Die Auswahl der Alben zog sich wie eine homogene Masse von einem Post Punk-Album zum Nächsten bis ich kurz vor Jahresende nochmal in die sphärische, elektronische Schiene abgerutscht bin. Warum letztendlich der Output so hoch war, liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich mal tiefer in die Materie eingearbeitet habe und die Artworks oder Konzepte ihrer Videos einfach verdammt gut visualisiert worden sind: Form über Funktion. Vielleicht auch ein Indiz dafür, dass das Genre nicht stagniert, sondern sich international vervielfältigt. Neben altbewährten Labels, führte die Reise immer wieder zurück zu Bandcamp und selbst der Plattenladen des Vertrauens hatte von einigen Empfehlungen noch nie gehört. Achtung: Dreht mal die Anlage auf, wenn ihr euch traut. Einige Tracks haben es echt in sich und nehmen ungeahnte Wendungen.

5. Exploded View – Obey

Annika Hendersson mag ein Musterbeispiel für die Wunderkinder interdisziplinärer Berufskarrieren sein: Die ehemals in Berlin tätige Politik-Journalistin, die ihren musikalischen Entfaltungsdrang nicht zu stillen vermochte und mit Exploded View und ihrem Soloprojekt Anika den Künstlerpool des New Yorker Labels Sacred Bones bestürmte. Auch die Veröffentlichung von Obey setzt ihren Fokus wieder auf Sozialkritik: Gesellschaftshierarchien, Normen und Regularien, die unsere persönlichen Freiheiten einschränken, das Cover geziert von einem Memento Mori-Stillleben. Existenz bedingt Prädestination im politischen System. Die abgeklärte Attitüde, wenn die Stimme der Frontsängerin zwischen monotonem Gesang und sprachlichen Passagen changiert, wirkt wie ein übergeordnete Moderation des Geschehens. Multiinstrumental vom redundanten Overdub verfolgt, führen die wechselnden Tempi vom Stillstand zur regen Atemlosigkeit, ehe man sich in echohaften Texturen verliert, die ein Konglomerat aus Krautrock, Grunge, Wave und Post Punk bilden.

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4. Ice Baths – Ice Baths

Ice Baths wagten im letzten Jahr den Sprung ins kalte Wasser und veröffentlichten unter dem Londoner Label Blank Editions ihren ersten selbstbetitelten Release. Ihr Charme ist unterkühlt, die kreirte Atmosphäre basiert auf der Stimmung fiktiver Detektiv-Novellen und zwischen dem energetischen Zusammenspiel aus Gitarre, Drums, der willkürlichen Dynamik, erinnerte ich mich zeitweise an Projekte wie Women oder Viet Cong zurück. Allerdings behält sich die Band vor, dem Hörer eigene lyrische Interpretationsansätze und den entsprechenden Abstraktionsgrad offen zu lassen, wenn er sich mit den Aufnahmen auseinandersetzt. Der Produktionsprozess verlief ambitioniert, keineswegs reibungslos und das Endergebnis sollte roh und dreckig wie die ersten analogen Demos beibehalten werden, weshalb die Songauswahl zusätzlich mit Hilfe von Tascam-Bandmaschinen aufgenommen wurde. Hat sich gelohnt bei unruhigen, sich steigernden Passagen mal intensiver auf die Instrumentalisierung zu achten: Die Vielfalt der Komposition demonstriert hier nochmal gezielter den perfektionistischen Anspruch, den die Band an sich selbst setzt.

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3. Crack Cloud – Crack Cloud

Das Multimediakollektiv aus Kanada hat mich regelrecht umgehauen, als ich im Herbst über ihr selbstbetiteltes Debüt gestolpert bin. Eklektisch, antreibend, komplex und in ihren komponierten Verläufen erst durchschaubar, dann durch ihre Texte multiperspektivisch emotional. Hier werden Erfahrungen der Thematik Sucht und Abhängigkeit verarbeitet und unterschiedliche Medien als künstlerisches Sprachrohr genutzt, um eben genau diesen Zwiespalt aus Kontrolle und deren Verlust nach außen zu tragen. Man bezeichnete sie jüngst als authentisch affektiert, so sorgen Kontroversen für Provokation. Für mich war klar, dass es eines meiner Jahresalben ist, mit denen ich latente Aggressionen abbauen, aber irgendwie auch entspannt abschalten kann, weil der Groove immanent bleibt. Kontrastreich, energiegeladen und nur ein weiteres Post Punk-Projekt, das gekonnte Reminiszenzen zu den 80ern herstellt, die mit Talking Heads oder Gang Of Four ihre Glanzzeit durchlebten.

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2. Numb.er – Goodbye

Düster, dystopisch und aus mantraartigen Gesangspassagen zusammengesetzt, erscheint der minimalistische Shoegaze/Post Punk-Hybrid , den Fotograf und Visual Artist Jeff Fribourg aus LA gegründet hat, um seine ästhetische Vorstellung zu individualisieren. Als Mitbegründer der Psych/Kraut-Band Froth konnte er mit Numb.er sowohl visuell Einflüsse aus Architektur und Typographie beziehen, als auch seine Vorliebe zu analogen Synthesizern ausleben. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Ein Konzeptalbum, das das Gedankenspiel eines Neuanfangs untermauert, der mit dem beklemmenden Gefühl von Trauer und Angst einhergeht, um sich von alten Rastern zu verabschieden. Dieses Vorhaben skizziert die Geburtsstunde von Goodbye.

Es ist peinlich, dass ich letzten Sommer nach einem Iceage-Konzert länger als eine Stunde mit den Bandmitgliedern abgehangen habe ohne sie zu erkennen. Manchmal vergehen Fangirl-Momente aus Unwissenheit: Indeed. Mir blieb die Platte als Erinnerung.

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1. EXEK – Ahead Of Two Thoughts

Mein absoluter Favorit schlechthin war eine Post Punk-Formation aus Australien, die sich mit ihrer Herkunft definitiv dem freundlichen Jangle Pop-Hype zu widersetzen schien. EXEK identifizieren sich mit den britischen Wave-Vorreitern, düsteren, melodischen Basslines, wirken dabei unglaublich unaufgeregt, straight und fast lethargisch ohne sich zu wichtig zu nehmen. So hätte ich mir die Coolness von Ian Curtis live vorgestellt, wenn Albert Wolski das Mikro ansetzt. Neben der einnehmenden Narrative im Songwriting ist der sich subtil einschleichende Auftritt von Synthesizern und Saxophon ein kreativer Prozess, der wie ein roter Faden fungiert. Die hypnotischen Drums und gezielt eingesetzten Effekte wie Echo und Reverb verleihen ihren Tracks die entsprechende Dynamik, die Dub – und Krautelementen einen Platz einräumen. Ich muss zugeben, dass ich dieses Album so oft in Dauerschleife gehört habe, dass ich in diesem Konzeptalbum keine konkreten Titel herausfiltern könnte. Genau deswegen ist es für mich in seiner Gesamtheit die Entdeckung des Jahres geworden.

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Auf der ersten Seite findet ihr meine Top 5-Tracks 2018, auf der nächsten Seite findet ihr alle Tracks und Alben noch mal als Playlist – hier findet ihr alle Jahrescharts aus diesem Jahr und die der vergangenen Jahre.

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