Was bedeutet ein persönlicher Jahresrückblick, wenn nicht viel mehr als ein paar intensive Sequenzen der letzten zwölf Monate mit denen viele Erlebnisse und Erinnerungen verbunden sind? Das Jahr 2018: In seiner Bandbreite eine Ansammlung emotionaler Hoch- und Tiefphasen, die ohne musikalischen Einfluss wohl nur halb so erträglich gewesen wäre.

Das Jahr begann mit vielen Neuentdeckungen im Bereich LoFi und Bedroom Pop, bevor der Herbsteinbruch wieder die düsteren Oden enthüllt hat, die von Post Punk über Cold Wave zum Ambient führten. Hier gibt’s den Überblick meiner Top 5 des letzten Jahres.

MEINE TOP 5-TRACKS 2018

5. Fog Lake – Push

Mein erster Favorit war der bereits 2017 veröffentlichte Track Push der Band Fog Lake aus Neufundland im Youtube-Algorithmus von David Dean Burkhardt. Der kanadische Songwriter Aaron Powell hat seine seelische Verfassung definitiv der Melancholie verschrieben, als er sich dem Indie Folk widmete. Im Musikvideo thematisiert er die Ambivalenz zwischenmenschlicher Beziehungen, den Prozess, zum rechten Zeitpunkt seine Ängste und Unsicherheiten zu überwinden, während Gedanken und Gefühle das Konzept komplett aus der Bahn werfen. Sein LoFi-Release Dragonchaser war 2016 schon die authentischere Alternative zum kommerziell aufgebauschten Cigarettes After Sex, wenn ihr mich fragt.

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4. Drahla – Twelve Divisions Of The Day

Sommerbeginn, Offline-Modus. 24/7 Zweisamkeit: Mein Fahrrad und ich. Von Stadtvierteln über Brücken am Rhein entlang und zurück. Die Tage waren viel zu kurz, das Bier an öffentlichen Hotspots viel zu schnell leer und die lauen Nächte wiederum zu lang, als sich schon vor der Morgendämmern wieder ins Bett zu bewegen: Twelve Divisions Of The Day aber zeitlos bleiben wollen. Eine Punkband aus Leeds schaffte den Twist aus mournesquen Gitarrenriffs, wabernden Shoegaze-Elementen und treibendem DIIV-Sound, während sie die alltägliche mediale Reizüberflutung, den Narzissmus im Netz an den Pranger stellten und auf aussagekräftige Parolen herunterbrachen. Typographische Outsider-Art trifft auf mondän inszenierte vocals: Das sind Drahla aus UK.

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3. Puma Blue – as-is

Jakob Allen ist ein Poet und Nachtschwärmer. Mit seiner seichten, fragil anmutenden Stimme und dem bestechenden King Krule-Vibe hat er sich schon mit seiner ersten EP als Underdog-Tipp behaupten können. Jazz und Soul-Anleihen verbinden sich zu einem Mix aus Improvisation und führen mit einer nostalgischen Komponente direkt in ein 20er-Jahre Ambiente über. Vor 22 Uhr hab ich seinen aktuellen Release Blood Loss nie angerührt, aber die Rotweinflecken am nächsten Tag waren ein bezeichnendes Indiz dafür, dass ich mich jedes Mal regelrecht wegträumen konnte und ein Fernweh für Meeresbrisen und Strandspaziergänge bei Nacht entwickelt habe, das nur mit hohem Kerzenverschleiß und vollem Aschenbecher in Kombination funktionierte.

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2. Eyedress – Xenophobic

Jemals von Eyedress gehört? Der 28-jährige Idris Vicuña ist offensichtlich der erste Philippino, der jemals unter einem Mayor Indie Label gesigned wurde. Ich oute mich als Fan der ersten Stunde. 2014 erschien er mit verträumten Chillwave auf virtuellen Plattformen, beschäftigte sich zwischenzeitlich von Cold Wave über Synth Pop zu R’n’B- mit Hip Hop-Features und entdeckte die Filter – und Texturenvielfalt innerhalb der Studioproduktion, die keines seiner Alben als homogene Einheit abspeisen. Man verliert schnell den Durchblick, aber den hat Vicuña sich mit seinem Ray-Ban-Werbevertrag wahrscheinlich vorbehalten. Auch das zynische Augenzwinkern versteckt er gut: Denn eigentlich ist er bloß der Sensitive G(uy), der mit plakativer Coolness kokettiert.

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1. Fenster – HBW

Ein Herbst in Hamburg. Ich muss zu dem Zeitpunkt völlig schlaftrunken gewesen sein, als ich im Halbdunkel dieser Bar am Tresen saß und eine der letzten Gäste war. Der Barkeeper genehmigte jedem noch einen Musikwunsch. Einer davon sollte mich für den Rest des Jahres fesseln: Die viereinhalb Minuten von HBW und der Verlust des Zeit- und Raumkontingents. Mit Fensters psychedelischen Track, der von einem krautigen Beat begleitet und durch weiche Synthieflächen verfeinert wurde, brachen die Grenzen der Selbstwahrnehmung auf und hüllten in einen undurchdringbaren Schleier aus Realität und Fiktion. Surrealistische, traumgleiche Sequenzen wurden projiziert und offenbarten – zumindest in ihrem Musikvideo – am Ende bloß verklärte Illusionen. Da lässt man sich doch gerne bewusst auf Verblendung ein: Spots an.

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Auf der nächsten Seite findet ihr meine Top 5-Alben 2018 – hier findet ihr alle Jahrescharts aus diesem Jahr und die der vergangenen Jahre.

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