Das zehnte Le Guess Who?-Festival liegt eine Woche zurück, während diese Zeilen verfasst werden – Zeit für einen Rückblick.

Le Guess Who? 2016 – Tag 1

Für mich war es das dritte Mal auf dem Le Guess Who? und wieder ist mir bewusst geworden, dass Utrecht vermutlich das bessere Amsterdam ist. Dafür spricht die geringe Größe (339.946 Einwohner, Stand 01. April 2016), wodurch alle gewünschten Orte (Festival-Locations, Kinos, Eisenbahnmuseum) mit mehr oder weniger Aufwand zu Fuß erreichbar sind, weniger Kiffer- und Partytourismus und näher an Köln ist es dazu auch noch. Seit ein paar Jahren findet der Großteil des musikalischen Programms im Tivoli Vredenburg statt, das von außen aussieht wie eine Mischung aus einem Golfball in Würfelform und modernem Hochhaus mit Glasfassade und innen ungefähr so wie das berühmte „Relativity“ von M.C. Escher, aber mit Rolltreppen. Was natürlich nicht verwundert, denn der war ja schließlich auch Niederländer.

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Weitere (Haupt-)Locations sind eine 1040 geweihte Kirche (Janskerk), ein ehemaliges Krankenhaus (Leeuwenbergh) von 1567 und das De Helling für die abgeranztere Gitarrenmusik. Daneben gibt es noch einige weitere Spielstätten, außerdem Kinofilme, und wer dann noch nicht genug hat, kann entweder eine Grachtrundfahrt machen (eine oder zwei Stunden lang) oder die Mega Record & CD Fair, die als größte Plattenbörse Europas gilt, besuchen.

Wilco_Jelmer de Haasa
(Foto: Wilco, Jelmer de Haas)

Nach der Ankunft am Donnerstag beginnt das musikalische Programm (für mich jedenfalls) mit Wilco, die im Grote Zaal spielen, einem philharmonischen Oktogon für 1.717 Personen. Ich muss gestehen, dass ich mich in meinem Leben wenig mit Wilco beschäftigt habe, finde das, was ich von ihrem Auftritt gesehen habe, aber sehr sympathisch.

Deerhoof_Tim van Veen_Le Guess Who? 2016
(Foto: Deehoof, Tim van Veen)

Ich muss aber auch weiter, zu Deerhoof, die an diesem Abend in meinem Timetable auffällig markiert sind und wieder mal alles richtig machen. Vom Pandora, ein paar Rolltreppenfahrten vom Grote Zaal entfernt, begebe ich mich ins Cloud Nine, seines Zeichens der einzige Saal, der nicht über Rolltreppen zu erreichen ist, um Fennesz anzusehen und -hören. So sehr mir seine Musik gefällt, leider war sein Set für die Zeit (ca. 0 Uhr) zu ruhig und ich hätte mir etwas Druckvolleres gewünscht. Nächstes Mal gerne früher!

Le Guess Who? 2016 – Tag 2

Heather Woods Broderick_Jan Rijk
(Foto: Heather Woods Broderick, Jan Rijk)

Der Freitag wird mit ein wenig Stadtspaziergang eingeläutet und nach einem Kinobesuch (Arrival von Denis Villeneuve) geht es musikalisch weiter mit Heather Woods Broderick, die im Leeuwenbergh an Gitarre und Klavier und teilweise unterstützt von ihrem Bruder Peter Broderick ruhig, aber intensiv eine tolle Stimmung erzeugt. Der Weg geht anschließend wieder ins Mutterschiff, um Beak> anzusehen. Diese bieten einen schönen Kontrast zum vorherigen Konzert und eine schöne Kulisse. Geoff Barrows Bedenken, dass sie ja längere Zeit nicht mehr gemeinsam gespielt hätten, erweisen sich als hinfällig.

Nächster Stop, selber Saal (das Ronda, ein halbrunder Saal mit großer Empore (leider nicht nach Alfs Freundin benannt)): Savages, zu denen vermutlich wenig gesagt werden muss – wer kann, der sollte sich das einfach selbst ansehen. Jegliche Qualitäten, die dieser Band nachgesagt werden, sind wahr.

Savages_Melanie Marsman
(Foto: Savages, Melanie Marsman)

Eine Rolltreppenfahrt und ein paar unbeweglichen Treppenstufen (buh!) später schaue ich I Speak Machine zu, wie sie mit viel Elektronik eine Filmmusik zusammenbaut, die von passenden Videoaufnahmen unterstützt wird. Ein Cover von Sounds of Silence gab es auch noch und danach enttäuscht Ectopia. Leider musikalisch etwas langweilig und alles zu theatralisch-pathetisch; könnte mein Ding sein, ist es aber gerade leider nicht. Ab ins Bett.

Le Guess Who? 2016 – Tag 3

Der Samstag steht an. Ein Tag, der einem meiner Mitreisenden seit Wochen schlaflose Nächte bereitet und ihn auch heute noch zweifeln lässt, jemals alles richtig gemacht haben zu können. Die unvermeidbaren Überschneidungen im Timetable führen bei ihm fast zum Wahnsinn, es gibt keine Möglichkeit, alles zu sehen, was sich zu sehen lohnt.

Julia Holter_Jan Rijk_Le Guess Who? 2016
(Foto: Julia Holter, Jan Rijk)

Zum Glück kann ich mich nervlich zusammenreißen, denn für mich steht vor allem der Auftritt von Julia Holter auf dem Programm, den ich letztes Jahr wegen zu später Ankunft nur in den letzten Minuten sehen konnte. Als Kuratorin darf sie ebenfalls im Grote Zaal spielen. Vorher sehe ich mir noch die von ihr eingeladene Circuit des Yeux an. In der Janskerk kann sie eine dunkle, anmutige Atmosphäre aufbauen, die leider einigen Gästen verwehrt wurde, weil die Kirche nur eine begrenzte Anzahl an Zuschauern und Zuschauerinnen aufnimmt. Pech für meinen Mitreisenden, der sich seinen Kopf über diesen Auftritt nicht hätte zerbrechen müssen.

Julia Holter spielt mit kompletter Band, ihr Set besteht fast zur Hälfte aus Stücken vom letzten Album Have You in my Wilderness und ein neuer Song ist auch mit dabei. Sympathischerweise wirkt sie verärgert und genervt und dabei ehrlich. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, was ihrem Auftritt keineswegs schadet – es ist ein großartiges Konzert, das leider zwei Songs weniger beinhaltet als geplant. Die Künstlerin zeigt sich vom Hinweis des Bühnenpersonals so überrascht wie das Publikum selbst.

Next Stop: Dinosaur Jr. – wird geskippt. Das Ronda ist viel zu voll.

Cate Le Bon_Jan Rijk

Stattdessen schaue ich mir die tolle Cate Le Bon an und entscheide anschließend, dass ich laute Gitarren brauche und deshalb zum ersten Mal ins De Helling fahre, um Oathbreaker anzusehen. Drei Bushaltestellen später und €2,70 ärmer (Fußweg ca. 25 Minuten – geht auch, aber der Regen hat mich faul gemacht) werde ich nicht enttäuscht, ein bisschen besser gefällt es mir auf Platte aber doch. Davon abgesehen: Das ist eine der vielen schönen Eigenschaften dieses Festivals: die große Bandbreite an musikalischen Kategorien.

Anschließend sehe ich mir, wiederum im Ronda, Wooden Shjips an, die jetzt so ungefähr genau das Richtige sind und mir und dem Rest der Anwesenden schönen psychedelische Klangwelten bieten, die zum Glück nicht langweilig werden. Der Abend klingt aus mit RP Boo, der uns im Cloud Nine netterweise hilft, wie Äffchen zu tanzen.

RP Boo_Jelmer de Haas
(Foto: RP Boo, Jelmer de Haas)

Le Guess Who? 2016 – Tag 4

Am Sonntag gibt es zur Stärkung erstmal ein 12 uurtje, eine Art Brunch mit Brot, Suppe, Ei und allerlei anderem. Angeblich eine Spezialität in den Niederlanden – unsere AirBnb-Hostess kannte es nicht. Das ruft nach schlechter Bewertung. Sehr gut bewertet wird dagegen das 12 uurtje, die richtige Entscheidung für den letzten Festivaltag. An dem sehe ich mir Marching Church an, deren uninteressante Darbietung auch nicht durch die Erkenntnis, dass es sich ja beim Sänger um den gleichen wie bei Ice Age (die Band, nicht der Film) handelt, besser wird.

Swans_Erik Luyten
(Foto: Swans, Erik Luyten)

Zum Glück gibt es kurz danach Swans und eventuell ist das ja diesmal wirklich die letzte Möglichkeit, sie zu sehen. Ob dem so ist oder nicht – solider Auftritt, nicht anders erwartet. Meine persönliche Überraschung folgt mit Tortoise, deren Werk sich mir nie ganz erschlossen hat, die aber live, wiederum im Grote Zaal, großartig sind.

Mein Festival endet mit dem St. Francis Duo, bestehend aus Stephen O’Malley und Steve Noble, die mich mit ihrem experimentellen E-Gitarre+Drums-Set zurück in die Realität entlassen. Ein paar Rolltreppenfahrten später ist das diesjährige Le Guess Who? für mich zu Ende.

Wermutstropfen gibt es nur zwei: Das Line-Up ist zu gut, um alles Sehenswerte sehen zu können und ich habe es verpasst, ins Eisenbahnmuseum zu gehen. Ein weiterer Grund, nächstes Mal wiederzukommen.

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