Die Reise zum Primavera beginnt am Flughafen Köln/Bonn mit einer Stunde Verspätung und Regen. Barcelona begrüßt uns gegen 23 Uhr mit angenehmen Temperaturen um die zwanzig Grad. Leider verkauft kein Kiosk nach 23 Uhr noch Bier, und bis wir eine Bar gefunden haben, die noch offen hat, das dauert. So beginnt der allererste Primavera Sound-Tag in meinem Leben immerhin nicht mit einem Kater.

Die erste Band, die ich am nächsten Tag sehe, als wir nach einer knappen Stunde Anreise auf dem Gelände angekommen sind, ist Beak>. Die Krautrockband von Geoff Barrow (Portishead) trägt den Soundtrack zur Orientierungsphase bei: Ah, das ist also die Primavera-Bühne! Und dort hinten das Meer, hui, so schän blau und groß und weit, und diese irrsinig riesigen Dächer und Brücken aus reinstem Beton sehen so aus wie in The Brutalism Appreciation Society. Ein sehr beeindruckendes Gelände. Dazu wummern Beak> ähnlich repetitiv wie ihrerzeit NEU! – ein passender Auftakt.

Und sofort folgt die erste richtige Herzensangelegenheit des mit Herzensangelegenheiten nicht gerade spärlich bestückten Line Ups: Destroyer! Dessen weichgezeichnetes Softrock-Saxophon-Album mit dem schönen Namen Kaputt von 2011 ist mir sehr wichtig, der Rest pendelt sich irgendwo zwischen gut und egal ein. Weil ich nicht zu spät kommen will, bin ich schon zehn Minuten früher da, weil ich so aufgeregt bin, dass ich ihn endlich live sehe, kaufe ich mir noch schnell ein Bier. Der erste Song ist der Kaputt-Opener „Chinatown“, ich bin glücklich. Dass sich Dan Bejar in einem wirklich guten Konzert danach manchmal wie ein etwas behäbiger Dude verhält, ist mir da auch egal. Vielleicht das Bier?

Auf der Pitchfork-Bühne spielt als nächstes Vince Staples. Der Rapper hat einen DJ dabei, sonst nichts, und den vielen leeren Raum auf der Bühne durchmisst er mit großen, schnellen Schritten von links nach rechts und wieder zurück, ein energetischer Auftritt, doch leider ist der Sound nicht besonders, und so verlassen wir Vince recht schnell wieder und schauen kurz bei den Floating Points vorbei, deren synthetische, elektronische Flächen ganz cool sind, aber auch relativ schnell müde machen.

Ungefähr zu dieser Zeit wird mir bewusst, dass das Primavera ein Festival ist, bei dem man nicht nur sehr viele gute Bands sieht, sondern auch viele gute Bands zwangsläufig verpasst. Zu letzteren gehören zu diesem Zeitpunkt schon unter anderem SUUNS, A.R. Kane und Kamasi Washington. Das tut zwar weh, doch was soll man tun?

Leider verpasst: Kamasi Washington

Wir wagen den langen Weg zu den beiden Hauptbühnen, die weiter weg, sehr groß und daher nicht empfehlenswert sein sollten, das hatte ich von eingefleischten Primavera-Besuchern gehört. Beides korrekt. Nach circa fünfzehn Minuten Fußweg eröffnet sich der Blick auf ein unglaublich großes Areal, an dessen beiden Enden sich zwei riesengroße Bühnen leicht versetzt gegenüber stehen. Geschätzt (ich kann schlecht schätzen) 80.000 Leute stehen hier, es fühlt sich an wie ein anderes Festival.

Weit von uns entfernt kommen die alten HEY-Helden Tame Impala auf die Bühne, laut umjubelt, und stürzen sich in ihren Psycho-Rave-Hit „Let It Happen“. Wer nicht auf die Leinwände schaut, kann fast nichts erkennen, und wenn doch, nimmt man die Zeitverzögerung zwischen Bild (Schlagzeuger haut auf die Snare) und Ton deutlich wahr. Als der Beat droppt, schießen zwei Kanonen in Kleinwagengröße goldenes Konfetti in die Nacht. Um uns herum rasten die Leute aus und grölen das Riff, das so catchy ist und das wir ja auch total lieben, auf eine Art und Weise mit, die an die Tormelodie in Mönchengladbach erinnert. Beim zweiten Song treten wir die Rückreise an.

Denn auf der Pitchfork-Bühne spielen unterdessen Protomartyr. Erneut fühle ich mich von dieser Band regelrecht verprügelt. Ich stehe benommen am Rand und schaue mir das Spektakel an, das so „normal“ aussieht wie kein Auftritt einer anderen Band. Der leicht untersetzte Sänger Joe Casey sieht in seinem angeknitterten Jackett, immer einen Drink in der Hand, eher aus wie ein Durchschnittsbürger Mitte Vierzig (dieser Tumnlr über Joe Casey sei euch wärmstens ans Herz gelegt). Die Bandmitglieder sehen alle 20 Jahre jünger aus und wirken wie Außenseiter in der Schule. Zusammen erzeugen sie einen harten und sehr tight gespielten Postpunk-Sound, während Casey über die Bühne schlendert und in sein Mikrofon reinnuschelt oder -schreit. Das Ganze ist unfassbar laut. Und geil.

Der überraschendste Act des Abends ist aber Mbongwana Star, das siebenköpfige Orchester aus Kinshasa, DR Kongo. Zwei Musiker sitzen im Rollstuhl, die Band spielt schwer einschätzbaren Pop zwischen Afrobeat, Postpunk, verzerrten Gitarren und Funk. Die Musik changiert zwischen sehr tanzbar, leicht anstrengend und sehr entspannend – irgendwann lege ich mich auf die großen Stufen der Ray Ban-Bühne und schaue mir den Himmel an.

Auch der Auftritt von Thee Oh Sees später ist einer zum mit offenem Mund herumstehen: Zwei Schlagzeuger! Nebeneinander in der Mitte der Bühne! Drei meiner vier Weggefährten im Moshpit! Mit ihren beiden Drummern spielen Thee Oh Sees ein ziemlich druckvolles, hartes Set, das ziemlich geil wäre, wenn ich nicht zu dem Zeitpunkt schon recht knülle wäre. In meiner Reisegruppe jedenfalls wird das Konzert als eins der Highlights des ganzen Wochenendes gehandelt …

Also lieber wieder hinsetzen und ein bisschen Kopfrechnen: Battles spielen auf der Ray Ban-Bühne, vor der sich anfangs kaum Menschen versammeln. Doch während die Math-Rock-Hipster aus New York City ihre verschiedenen Layer immer weiter übereinander schichten und sich das Konzert unaufhaltsam zu einem krautig-technoiden Rave entwickelt, strömen immer mehr Menschen ins weite Rund, das am Ende prall gefüllt ist. Ein sehr guter Abschluss des ersten Tags auf dem Primavera 2016. Spoiler: Der nächste Tag beginnt mit einem Kater …