Die Biografie von Marius Bubat und Georg Conrad als Coma ist eine besondere: Von der Liebe zum Indie fanden die beiden Kölner mit niederrheinischen Wurzeln zur elektronischen Musik, in die sie regelmäßig Raum für ihre früheren Einflüsse lassen. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. 2013 haben sie ihr Debütalbum In Technicolor auf Kompakt veröffentlicht – nur zwei Jahre später haben sie jetzt mit This Side Of Paradise ihr nächstes nachgelegt.

Wir haben Marius und Georg auf diverse Kölsch in der Kölner Kult-Kneipe Durst getroffen. Dabei haben wir nicht nur über das neue Album gesprochen, sondern auch über ihre Schuhe und skurrile Tour-Erlebnisse.

HEY, Coma!

Beginnen möchten wir das Interview mit eine Feststellung: Wir haben ja bereits vor zwei Jahren ein Interview mit Euch geführt und damals prompt einen Spam-Kommentar zum Thema Schuheinlagen erhalten. War das Zufall oder müsst ihr die Dinger mittlerweile auch schon tragen, weil ihr ja immer so lange und spät auflegt?

Georg: Ja, ich trag seit meinem 14. Lebensjahr Einlagen. Ich habe das eine Zeit lange missachtet und hatte dementsprechend Schmerzen. Der Orthopäde meinte dann, der einzige Sneaker, der klargehen würde, ist der Nike Air Force 1 und den trag ich jetzt, bis ich keine Rückenprobleme mehr habe.

Marius: Ich habe jetzt so komisch-bunte Adidas Schuhe, aber früher hatte ich Schuhe, die man eher so als Indie-Boy getragen hat. Die sind aber unbequem. Nicht so wie Sneaker, die sind viel bequemer. Aber Einlagen trage ich nur im Winter: aus Lammfell.

Schwitzt man da nicht beim Auflegen?

Georg: Ich glaube, meine Füße sind der einzige Teil am Körper, der dabei nicht schwitzt.

Wie ist das denn im Studio? Zieht ihr da die Schuhe aus?

Georg: Ne, das ist zu Hippie-mäßig.

Marius: Geht, im Sommer manchmal schon. Aber da kommt Georg ja eh immer in Birkenstock.

Georg: Das Thema Birkenstock ist doch auch wieder en vouge… Oder?

> Hört Euch hier die erste Single des neuen Coma-Albums an: Lora

Bevor wir zu sehr ins Detail gehen, würden gerne auf This Side Of Paradise zu sprechen kommen. Für uns kam das zweite Album jetzt relativ schnell, also bereits nach zwei Jahren. Schließlich habt ihr nach dem Release sicher viel Zeit mit Touren und Promo vebracht. Kam euch das auch so vor?

Marius: Ich habe das Gefühl, seitdem man mit Alben nicht mehr das große Geld verdienen kann, ist die Zeitspanne schon was länger geworden. So eher drei Jahre statt zwei, wie früher. Aber wir waren jetzt halt schneller.

Am erste Album habt ihr ja knapp drei Jahre gearbeitet…

Marius: Genau, aber dieses Mal haben wir ganz konsequent darauf hingearbeitet und – außer am Wochenende mal zu spielen – mehr oder weniger nichts anderes gemacht. Beim ersten Album haben wir über einen langen Zeitraum viele Songs gesammelt und auch zurückgestellt, die wir eher vorher als Single hätten veröffentlichen können. Deshalb dauerte es einfach länger.

Georg: Vor einem guten Jahr haben wir uns dann mit Kompakt darauf geeinigt, dass wir an einem neuen Album arbeiten.

Marius: …was auch gut war, denn dadurch konnten wir dann klar planen und das einfach ein halbes Jahr durchziehen. Es ist auch viel besser so zu arbeiten, weil man dann hört, dass alles sozusagen aus einer Session entstanden ist.

Wir haben tatsächlich einige Songs von Vögeln zum samplen benutzt, die teilweise sogar im Zoo aufgenommen wurden. Es ging eigentlich hauptsächlich darum auch Sounds zu machen, die vielleicht ein bisschen anders sind als das, was man so kennt, und was so aus den Synthesizern rauskommt.

Georg: Das neue Album ist viel homogener. Das alte war eher so ein Potpourri aus verschiedenen Sachen, was natürlich auch irgendwo zusammengepasst hat. Aber das neue ist mehr aus einem Guss.

Wir finden auch, was beim ersten Album von allen so als das „Indie-mäßige“ beschrieben wurde, ist jetzt viel weniger und eher clubbiger geworden.

Georg: Findet ihr? Clubbiger würde ich nicht sagen.

Dann vielleicht eher elektronischer?

Georg: Ja, es ist schon elektronischer, aber vielleicht nicht eher tanzbarer. Was die BPM angeht, ist es zum Beispiel etwas entschleunigt.

Marius: Es ist auf jeden Fall langsamer und reduzierter. Dadurch wirkt es vielleicht elektronischer. Prozentual kommt auch mehr Gesang vor, da wir super viel mit Vocals und Samples gearbeitet haben und diese eher als Instrument nutzen und nicht unbedingt als Vocals an sich.

Wie werdet ihr das live umsetzen? Auch im Vergleich zum ersten Album?

Marius: Vom Gefühl her würde ich sagen, dass es schwieriger ist, das Album im Club zu spielen. Das liegt auch etwas daran, für was für eine Art Live-Set wir uns letztendlich entscheiden. Zum Beispiel haben wir beim Spielen des ersten Albums am Ende sehr viele Remixe im Set eingebaut, sodass wir immer eher das Gefühl hatten, dass alle Konzerte schon eher Club Shows waren. Anderseits gab es auch Abende, wie im Museum Ludwig, wo wir die Remixe weggelassen haben und das dann schon eher ein normales Konzert war.

Habt ihr euch denn für die anstehenden Konzerte schon entschieden, in welche Richtung es geht?

Marius: Wir sind jetzt schon variabler und können uns je nach Stimmung entscheiden, ob wir eher krachiger oder filigran spielen möchten. Auch liegt es daran, wo wir spielen und mit wem. Zum Beispielen gehen wir im November mit Roosevelt auf Tour. Da werden wir eher 40-50 Minuten spielen und auf Club Shows eine gute Stunde. Das wird sich aber alles mit der Zeit einpendeln. Die neue Live Show wird übrigens auch Visuals haben, die Philipp Carbotta (Anm. d. Red: Ja, der von HEY) für uns gemacht hat.

Was genau hat Philipp für euch gemacht?

Georg: Wir haben eine Woche gemeinsam im Studio zu den Sachen, die im Set passieren, bzw. die verschiedenen Frequenzen Bildmaterial zusammen gestellt. Größtenteils sind das abgefilmte Videos von einem Röhrenfernseher.

Geht das beim Artwork nicht in eine ähnliche Richtung?

Marius: Ja, das ist ja auch ein abfotografiertes Bildschirm-Bild auf einen riesen Banner gedruckt und davor haben wir dann auch die Promo-Fotos von uns gemacht. Deshalb hatten wir die Idee mit den Visuals. Hier haben wir dann Dokumentarfilme auf einem alten Röhrenfernseher nah abgefilmt, wodurch das sehr abstrakt und verstörend rüberkommt. Dadurch entsteht dann so eine verzerrte Ästhetik. Das ist cool und passt gut zu dem Cover von Edi Winarni.

Wie kam das Zustande, dass Edi für euch das Cover entwirft? Mit diesen Schnäbeln?

Marius: Edi hat die Schnäbel tatsächlich speziell zu den einzelnen Songs entworfen. Im Booklet unserer Platte gibt es dann auch zu jedem Song eine eigene Seite mit entsprechendem Schnabel.

Wo kommt das her, dass ihr so viele Assoziationen zu Vögeln habt? Das Artwork, dann diverse Song-Titel wie „Lora“?

Marius: Wir vögeln einfach wahnsinnig gern (Niemand lacht, bleiben alle ernst… Ok, eigentlich lachen alle). Wir haben tatsächlich einige Songs von Vögeln zum samplen benutzt, die teilweise sogar im Zoo aufgenommen wurden. Es ging eigentlich hauptsächlich darum auch Sounds zu machen, die vielleicht ein bisschen anders sind als das, was man so kennt, und was so aus den Synthesizern rauskommt. Das wurde dann irgendwie ein Leitmotiv für Edi, mit dem er unterschwellig gearbeitet hat. Als es dann mit der Produktion weiterlief, haben wir uns wiederum darauf eingelassen, was für Ideen er hatte und was er bereits gemacht hat.

Hat er dann mit euch viel Zeit im Studio verbracht oder sogar dort auch gearbeitet?

Georg: Nein, während der Produktion haben wir ihn ständig mit unseren Sachen versorgt. Er wusste also immer Bescheid, wie weit wir waren und kannte alle neuen Sachen.

From Agneskirche to Weidengasse…
(Coma über die Produktion ihres neuen Albums)

Marius: Er hat die Entwürfe dann auch immer abfotografiert und uns geschickt. Wir standen somit im ständigen Austausch. Ich glaube deshalb ist die Platte auch sehr bunt geworden. Von der Synästhetik her.

Stimmt es, dass ihr euch untereinander auch immer wieder Daten zugeschickt habt, anstatt gemeinsam im Studio an der Musik zu arbeiten? Im Pressetext fällt die Beschreibung, This Side Of Paradise sei ein „File-Sharing-Album“…

Georg: Ja, im Zuge dessen kommt auch immer der Vergleich mit The Postal Service auf, die sich ja auch immer Sachen „from East to Westcoast“ per Post zugeschickt haben.

Marius: Bei uns also „from Weidengasse to Agenskirche“.

Georg: Wir haben für uns festgestellt, dass wir so besser arbeiten konnten bei dem Album. Anstatt ständig zu zweit im Studio zu sein, wo man sich gegenseitig auch mal behindern kann. Wir haben simultan an verschiedenen Ideen gearbeitet.

Marius: Das ist mittlerweile ja auch super einfach. Du packst in die Dropbox deine Projekte, alles ist immer aktuell, du kannst unterwegs arbeiten, im Studio kann man da ran. Robag Wruhme, der auch einen Remix von Lora für uns gemacht hat, produziert zum Beispiel auch immer on the go. Da funktioniert das ja auch super. Man kann überall Ideen sammeln und muss am Ende nur ins Studio um die dann auch auszuformulieren.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Robag Wruhme zu Stande?

Marius: Das ist ein Freund von uns. Wir haben in den letzten zwei Jahren sehr oft mit ihm gespielt und er ist einer der angenehmsten Menschen, die man so treffen kann im Club Business. Wir haben ihn gefragt und für ihn war es eine Selbstverständlichkeit. Da er sehr bekannt ist, war das von uns natürlich von Vorteil. Der Remix lief diesen Sommer auch ziemlich viel in Clubs.

> Hier geht es zum Robag Wruhme-Remix von Lora

Georg: Eigentlich wurde der jetzt auch erst releast, aber im Sommer schon von ein paar DJs gespielt. Wir haben zum Beispiel auch im Juni Nachrichten bekommen, dass Dixon unseren Track rauf und runter spielt.

Marius: Ungefähr zehn top DJs, die so einen Kram potentiell spielen, haben den Remix bekommen und den dann auch gespielt, zum Beispiel im Boiler Room, und alle sind dann total nervös geworden: „Wann kommt der denn jetzt endlich?“. Das war promotechnisch natürlich von Vorteil.

Wer hat das Stop Motion-Video zu dem Remix gemacht?

Marius: Robag wollte auch unbedingt ein Video dazu haben und ein Freund von uns hat uns dann unterstützt. Der Original-Track hat jetzt auch ein Video bekommen.

Stichwort Freunde: Ihr arbeitet ja oft mit engen Freunden und Bekannten zusammen. Edi Winarni macht das Cover, Dillon steuert die Vocals auf einem Song bei. Macht ihr das aus Gründen der Einfachheit oder weil die Chemie eher stimmt und es familiär passt?

Marius: Wir trauen uns einfach nicht, Leslie Clio zu fragen (lacht).

Georg: Das wäre richtig schön.

Marius: Wir hatten eigentlich die Idee, mal gar kein Feature mehr zu machen bei dem Album. Der Track mit Dillon ist auch der einzige auf dem Album, der ein richtiges Feature ist – und er kam als letztes dazu. Eigentlich fehlte, um das ganze rund zu machen, noch ein Stück und wir hatten verschiedene Layouts, die meistens instrumental waren. The Wind passte aber voll gut zu ihr und wir wollten das dann mal versuchen. Wir hatten sogar die Idee, auch ihre Stimme so zu zerstückeln und eine Art Instrument daraus zu machen. Das haben wir aber dann verworfen und es ist auch gut geworden, wie wir es im Endeffekt gemacht haben.

Geht Dillon denn mit euch auch auf Tour?

Marius: Geplant ist das nicht, aber wenn wir zum Beispiel auf dem gleichen Festival spielen, kann es sein, dass wir den Song dann zusammen performen.

Jetzt geht ihr ja zusammen mit Marius Lauber aka Roosevelt auf Tour. Wie ist das denn eigentlich? Aus unserer Wahrnehmung hätten wir euch musikalisch eher als „Zieheltern“ gesehen und jetzt seid ihr sein Supportact. Hat man da eine Eitelkeit?

Georg: Nö, wir freuen uns da total für ihn. Es ist ja auch klar, dass er mit seiner Musik viel mehr Leute anspricht. Wir haben in dem Konzert-Rahmen ja auch noch nicht so fußgefasst, wie im Club-Rahmen. Da ist es ganz klar, dass wir ihn bei einer Konzerttour supporten.

Coma

Marius: Ersten das und zweitens muss man sich da von Eitelkeiten freimachen, da wir unterschiedliche Backgrounds haben, solche Konzerte dennoch für uns und unser Album Sinn machen. Außerdem muss man auch bedenken, dass nicht viele diesen Szene-Background haben und das so sehen. Für die meisten sind wir wahrscheinlich ein Name, den sie schon mal irgendwo wahrgenommen haben. Ich glaub, dass das Publikum aus Leuten bestehen wird, die uns kennen, aber natürlich auch viele, die nur wegen ihm kommen. Wir schauen einfach mal, wie das so funktioniert. Ich kann mir aber vorstellen, dass das eine sehr coole Dramaturgie gibt, weil er so eine richtige Popshow mit Licht und Band hat und wir zwar nicht mit Live-Drums, aber auch mit Visuals spielen. Das ist alles so ein bisschen auf einem ähnlichen Emotionalen Level. Das könnte gut funktionieren.

Ist das eigentlich die offizielle Release Tour im November?

Marius: In erster Linie ist das die Tour von Roosevelt, aber für uns natürlich super, dass wir das Album in Konzertform spielen können. Ansonsten haben wir fast ausschließlich Clubshows. Im nächsten Jahr spielen wir dann eventuell eine kleine Headliner Tour.

Wir reden ja jetzt schon länger über das Touren und ihr tourt ja wirklich sehr viel. Und das auch in der ganzen Welt. Wie ist das so, wenn ihr zum Beispiel durch Südamerika tourt?

Marius: Da wurden wir tatsächlich überfallen, aber das war unsere eigene Dummheit. Wir sind völlig blauäugig in das falsche Viertel reingelaufen.

Georg: In den meisten Fällen wird man von den Veranstaltern sehr fürstlich und gut behandelt.

Und wie läuft so ein Tour-Tag für euch ab?

Marius: Eigentlich bedeutet so ein Tour-Tag verdammt viel Warten. Da ist es egal, ob du in Deutschland oder Südamerika spielst. Man wartet, dass es losgeht und es ist nicht wirklich spektakulär. Was natürlich bei diesen Reisen besonders ist: Dass du fast nur am Wochenende spielst und mehr frei hast. Wenn man Glück hat wird man auch mal eingeladen in irgendwelche crazy Orte und du kannst zwei oder drei Tage was erleben.

Georg: In Guatemala waren wir zum Beispiel am Lago de Atitlán. So ein See, der eingemauert von Vulkanen ist und der Veranstalter hat uns dahin mitgenommen. Das war schon ziemlich gut. Oder die Halong Bay in Vietnam. Das kennt man aus irgendeinem James Bond Film. Bei so Momenten hat man das Gefühl, du bist auf einer Reise. Bei den Shows ist es dann aber normaler Tour-Alltag.

Bei so internationalen Sachen ist euer Label Kompakt aber schon der Türöffner?

Georg: Klar, da haben wir schon von profitiert, dass sie weltweit renommiert sind. Dadurch haben wir international auch schon viele Bookings bekommen. Mit unserer neuen Ausrichtung versuchen wir aber auch wieder andere Kanäle zu erreichen, außerhalb der gängigen Clubshows.

Danke!

> Hier findet ihre alle bisherigen HEY-Interviews

Die neue Platte von Coma, This Side Of Paradise, ist am 9. Oktober 2015 bei Kompakt erschienen. Das zweite Album des Kölner Duos gibts auf Vinyl, CD und digital direkt beim Label.

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