Wir hatten die Wahl: Wenig schlafen und frühstücken gehen oder Ausschlafen und erstmal auf eine ausgiebige Mahlzeit verzichten. Essen ist cool, aber dennoch haben wir uns für letztere Option entschieden, denn der dritte und letzte Tag vom Primavera Sound Festival hatte einiges zu bieten und wir wollten so viel wie möglich davon mitnehmen.

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Gesagt, getan. Nach dem Aufstehen ging es also relativ zügig zum Parc de la Ciutadella, einem sehr schönen innerstädtischen Park, in dem schon während des gesamten Festivals nachmittags Bands auftraten. So wie Ex Hex heute.

Nachdem es mit Wild Flag nicht mehr weiterging, hat sich Mary Timony mit Betsy Wright (The Fire Tapes) und Laura Harris (The Aquarium) vor zwei Jahren zu Ex Hex zusammengeschlossen, wo sie ihren Wurzeln mit melodischem Punk und kraftvollem Pop treu bleibt. Das Konzert fand in einem super sympathischen Rahm statt, vor einer Art Gewächshaus mit einem entspannten Publikum, das von tanzenden Kindern bis baskischen Fußballfans alles zu bieten hatte. Die Band schien das in vollen Zügen zu genießen.

Primavera Sound_DIIV(DIIV, Foto: Dani Canto)

Nach kurzer Stärkung (endlich) ging es dann auch schon ab aufs Festivalgelände und zu der einzigen Enttäuschung des diesjährigen Primaveras, namentlich DIIV. Die Band vom Beach Fossils Gitarristen hatte im Vorhinein schon angekündigt, dass sie ihr neues Album auf dem Festival exklusiv vorstellen würde. Allerdings war nicht absehbar, dass bei 8 von 10 gespielten Stücken eigentlich bei keinem einzigen der Funke aufs Publikum überspringen wollte. Auch schien sich die Band nicht so einig zu sein, wie ihr Set aussehen sollte. So griff beispielsweise Sänger Zachary Cole Smith seinem Gitarristen bei einem Song in die Saiten oder korrigierte bei einem anderen Song den Takt des Schlagzeugers.

Vom Lowlight zum Highlight, denn einmal American Football live sehen war für mich schon Grund genug, das Festival zu besuchen. Die Polyvinyl Act um Mike Kinsella veröffentlichte in ihrer gesamten Bandgeschichte nur ein Album und eine EP, aber circa 15 Jahre später hat es noch keiner geschafft, Emo und Math-Rock so wunderbar zu kombinieren. Das Wort Bandgeschichte ist vielleicht auch gar nicht so passend, denn American Football lösten sich im Jahr 2000, also schon drei Jahre Gründung, wieder auf. Bis jetzt, denn auf dem Primavera spielten sie vereint alle Hits: von Honestly? bis Never Meant. Bei letzterem sang das gesamte Publikum mit. Gänsehaut! Heimlicher Star war übrigens Drummer Steve Lamos, der sich bis auf den letzten Tropfen Schweiß verausgabte.

Sleaford Mods aus Nottingham auf der Bühne zu sehen, ist definitiv auch ein Erlebnis. Kurz gesagt: Jason Willamson beleidigt mit seinen Texten in einem markanten Dialekt die halbe Welt, presst dabei seine Lippen ans Mikro und ballt die Faust im Rücken. Sein Produzent Andrew Fearn wippt vor seinem mit Stickern zugeklebten Laptop stehend hin und her. Dabei trinkt er sowas wie Mountain Dew und trägt ein Shirt mit Polzeichef Wiggum drauf. Muss man mal gesehen haben!

Als nächstes gingen wir zu Mackenzie Scott, besser bekannt als Torres. Die junge Dame aus Nashville wird ja gerade so ein bisschen als die neue PJ Harvey gefeiert. Torres kam ohne Band, was den Vorteil hatte, dass alles noch stärker auf ihre Stimme und Emotionen reduziert wurde. Aber den Nachteil, dass die musikalische Bandbreite ihrer Musik nicht zum Tragen kam.

Wir wechselten im Anschluss kurz zur benachbarten Bühne, um die neuseeländische Band Unknown Mortal Orchestra zu sehen. Ich muss gestehen, dass ich ihr aktuelles Album Multi-Love gar nicht so im Ohr hatte (was sich nach dem Festival sofort änderte) und der 10-jährige Junge auf den Schultern seines Vaters vor mir auf jeden Fall viel textsicherer war. Trotzdem ist die experimentelle Pop Band mit dem Hang zu Psychedelic Rock live eine Augenweide. Vor allem der Schlagzeuger!

Primavera Sound_Mourn (MOURN, Foto: Dani Canto)

Die nun folgende Band, MOURN, besteht aus vier jungen Spaniern, die nicht älter als 20 Jahre sind! Kaum zu glauben, dass man diese Tatsache bei ihrem Konzert kaum gemerkt hat. Lässt man die leichte Schüchternheit etwas beiseite, strahlte die Band eine wirklich krasse musikalische Reife aus. Verglichen werden MOURN ebenfalls mit PJ Harvey oder einer punkigen Version von Sunny Day Real Estate. Ihr Debütalbum, erschienen auf Captured Tracks, solltet ihr euch auf alle Fälle mal anhören.

Bei tUnE-yArDs handelt es sich um eine Band, die man auf jeden Fall mal live gesehen haben sollte. Merril Garbus mischt einfach alle Genres, die sie so in die Finger bekommt: Funk, Afro-Pop, Folk, Jazz und so weiter. Die bunte Performance inklusive Background-Sängerinnen, die abwechselnd auch mal als Tänzerinnen fungierten, war auf jeden Fall Unterhaltung pur.

Apropos Unterhaltung pur. Die nächste Band hat in den letzten Jahren ein dutzend neue Alben rausgebracht (zuletzt Mutilator Defeated At Last auf Castle Face Records) und zählt damit wohl zu den hyperaktivsten und rastlosesten Indie Bands der Welt. Die Rede ist von John Dwyer und seinen Thee Oh Sees, die live einfach eine unbeschreibliche Wucht erzeugen. Wie dieser Konzertmitschnitt von Arte beweist! Im Publikum übrigens ganz vorne mit dabei: Mac DeMarco.

caribou (Caribou, Foto: Xarlene)

Von Thee Oh Sees so mitgerissen, war danach etwas die Kraft weg, Caribou abzufeiern. Mit seinem neuen Album Our Love im Gepäck, hat er aber zweifellos tausende andere Besucher glücklich gemacht. Außerdem ist Daniel Snaith so umtriebig, dass er sicher bald mal wieder hier in Köln Blicken lässt.

Danach hieß es sich nur noch ein letztes Mal entscheiden, denn das große Problem beim Primavera Sound sind die unzähligen Überschneidungen. DJ Coco, einer der Mitorganisatoren des Festivals, der mit Freunden und Kollegen auf der Bühne immer bis zum Schluss feiert, oder Mike Simonetti. Die Wahl fiel auf den New Yorker DJ und Gründer von Troubleman Records (Wolf Eyes, Black Dice) und Teil von Italians Do It Better (Glass Candy, Chromatics), der mit seiner Mischung aus Disco und Techno diesem wunderbaren Festival das sogenannte Sahnehäubchen aufsetzen konnte.

Als das Sicherheitspersonal uns dann so langsam (ich glaube, gegen 8 Uhr) in Richtung Ausgang begleitete, meldeten sich meine Beine schmerzhaft zu Wort. Denn was sich hier vielleicht wie ein stumpfes Namedropping liest, war in Wahrheit ein wirklich harter Konzertmarathon. So eine Dichte an tollen Künstlern bekommt man wahrscheinlich nur einmal im Jahr an der spanischen Costa Brava geboten. Kurzum: wir sehen uns 2016, Primavera Sound!

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