Eric Pfeil ist in Sachen Musik ein absoluter Fachmann. Neben seinen Tätigkeiten als Journalist, Autor, Producer und Musikkritiker hat Eric jetzt auch selbst ein Album gemacht.
Ich habe mich sehr über das Gespräch mit ihm in der italienischen Bar Celentano gefreut.

Das neue The Arcade Fire Album hast du in den Platten vor Gericht bei der Intro voll gedisst?

Habe ich? Ich kann mich gar nicht so erinnern, aber ich wäre durchaus versucht gewesen es zu dissen!

Wie das?

Aus mehreren Gründen. Zum einen: ich hab es gar nicht gehört. Aber ich habe meine Geschichte mit der Band. Mich stört, dass sie so langsam zu den U2 ihrer Generation werden. Sie sind von sich selbst berauscht. Und dann ist da noch mein zugegebenermaßen etwas dummer Reflex, die Sachen auf die sich alle einigen können, skeptisch sehen zu wollen.Bei dieser Platte ist das ganz extrem. Mein Freund und Bassist Alfred Jansen sagte zum Cover:“Na toll, alles richtig gemacht“. The Arcade Fire, die machen alles richtig – und deshalb berühren sie mich nicht mehr. Mir fehlt der Bruch in der Sache. Ich hab die „The Suburbs“ damals noch gemocht, aber eigentlich da ging es mir schon zu sehr in eine komische Richtung.

Ich hab die Band abgeschrieben als Boris Becker ihnen bei den Brit Awards den Preis überreicht hat. Der Auftritt war unterirdisch. Nie mehr wollte ich mir diese beschissene Band anhören. Dann kam das Reflektor Video raus, ich habe mich gefreut, das total scheiße zu finden – ist mir leider nicht gelungen. Im Gegenteil: mir ist die Kinnlade runtergefallen.

Ja, dagegen kann man gar nicht argumentieren. Aber auch bei dem Video habe ich mir gdacht: „Toll jetzt macht das auch noch Anton Corbijn.“ Schon wieder alles so richtig gemacht, das hat mich einfach langweilt. Mich würde nicht wundern, wenn sie bald noch eine Modekampange machen. Es geht mir einfach nicht ans Herz.

cag_by_christianfaustus-8523Wo bist du eigentlich aufgewachsen und wie hast du deine Jugend verbracht?

Weit habe ich es nicht gebracht. Ich bin in Bergisch Gladbach aufgewachsen. Mein Vater war Kölner, ein gescheiterter Musiker. Obwohl er etwa 50 Instrumente spielen konnte. Am Ende des zweiten Weltkrieges ist er leider noch eingezogen worden. Er kam verletzt in das völlig zerstörte Land zurück, ist in Gefangenschaft geraten – mit Musik machen war da erstmal nichts mehr. Als ich zur Welt kam war klar, dass ich was mit Musik machen würde. Ich bin Schlagzeuger geworden. Neben dem Autofahren, die einzige Sache, die ich in meinem Leben richtig gelernt habe. Alles andere habe ich mir selber bei gebracht.

Hast du in deiner Jugend Musik gemacht? Hattest Du eine Band?

Die erste Band habe ich mit elf Jahren gegründet. Wir hießen Overheated, konnten drei Akkorde, alle Instrumente waren kaputt und wir haben bei meinen Eltern im Keller geprobt. Und wir haben sogar Bandfotos auf einem Waldfriedhof gemacht. Das war, als wir gerade Wave und Indiemucke entdeckten. The Gun Club, Jeffrey Lee Pierce und Lloyd Cole waren die ersten Sachen die ich da richtig super fand.

Wie kommt es, dass du heute singst und Gitarre spielst?

Ich habe immer in Bands gespielt, immer am Schlagzeug. Leider – ich wollte schon immer der Sänger sein. Dabei kann ich gar nicht besonders gut singen. Aber: Ich finde es gibt tolle Sänger die nicht singen können. Ich behaupte nicht, dass ich einer von denen bin.

Was ist daran bitte toll?

Ich finde es toll, wenn Sänger Limitierungen haben – nicht alle Tonlagen erreichen können – und damit was Gutes machen. Ich liebe Bob Dylan als Sänger. Technisch haarsträubend, könnte man meinen, aber ich finde es ist sehr beseelt. Er findet immer einen eigenen Ausdruck und ist Meister im Texte schreiben.

Wenn du so früh angefangen hast, wieso hat es dann solange gedauert, bis dein erstes Album rausgekommen ist?

Ich habe Ende der Neunziger beschlossen: ich höre auf damit. Ich wollte kein Hobbymusiker werden, wie mein Vater. Für ihn hätte ich mir eine Musikerkarriere gewünscht – oder zumindest, das er seine eigenen Sachen veröffentlichen kann. Es geht nicht um Geld, sondern um Selbstverwirklichung. Um 1997 – kurz bevor ich meine damalige Freundin Charlotte Roche kennen gelernt habe, habe ich aufgehört. Wir haben auf Viva2 die Fernsehsendung Fast Forward zusammen gemacht.Später habe ich dann angefangen für die FAZ darüber zu schreiben, dann habe ich eine Buch geschrieben und mit meiner Kolumne begonnen.Mir fiel auf, dass es genau so viel Spass macht, sich mit Musik zu beschäftigen, ohne selber welche zu machen.

Heute glaubst du das nicht mehr?

Ich merkte, dass es nicht geht, ohne selbst Musik zu machen. Letztes Jahr, mit 43 Jahren, bekam ich dann einen Rappel, als mir klar wurde, dass ich nie aufgehört hatte, Songs zu schreiben. Ich habe ein Demo gemacht und es Ekki von den Erdmöbeln in die Hand gedrückt. Er fand, dass es lustig ist und die Musik einen seltsam naiven Charme hat, den gerade sonst niemand auf deutsch macht. Er hat das Album produziert. Und wir haben es rum geschickt.

Deine Musik ist total schwer einzuordnen. „Für Fans von:“ Was würdest du da schreiben?

Es ist eine Naivität drin, die kommt von Leuten wie zum Beispiel Jonathan Richman. Da ist definitiv was von der Einfachheit der Harmonien von Bob Dylan drin. Aber auch mein Fimmel für italienischen Pop, auch wenn es kein Mensch raushört, weil sich kein Mensch für italienischen Pop interessiert.Was womöglich eine gute Nachricht ist. Es ist aber auch meine Begeisterung für Gentlemen wie Robert Foster oder Lloyd Cole. Das ist irgendwie einfach nur eingesickert.Vielleicht klingt es am ehesten nach Jonathan Richman, wenn er übertrieben produziert ist.

Hattest Du als Musikkritiker Angst davor, dass die Kritik an deinem eigenen Album härter ausfällt als bei anderen Künstlern?

Ich war gespannt, ob das so sein würde, aber ich hab mir schon gedacht, dass die Kritiker nicht so doof sind. Zum einen hat mein Freund Stefan Glietsch den klugen Satz gesagt: „Das würde voraussetzen, dass der Kritiker der Feind des Musikers wäre, aber das ist nicht so.“ Es gibt Kritiker die machen es sich sehr einfach, aber ich hatte da Glück. Die, die darüber geschrieben haben, haben sich auch die Mühe gemacht, wirklich hin zu hören.

Wenn man die Platte hört, könnte man meinen, du seist mal im Urlaub verlassen worden.

Nein, aber ich hätte mich schon häufiger im Urlaub fast getrennt. Ich hatte immer sehr heftige Streits mit meinen Freundinnen im Urlaub. Mit meiner jetzigen Freundin, mit der habe ich vor ein paar Jahren in Rom auf einem Platz in Trastevere gestanden: Wir haben uns angeschrien, das kannst du dir nicht vorstellen. Ich dachte, die Welt geht unter. Du stehst auf einer Piazza in Rom, um dich nur Italiener, über die man sagt, dass sie die besten Streits der Welt hinlegen können und wir stehen da als Deutsche mitten auf dem Platz und schreien uns an eine halbe Stunde an. Später haben wir zusammen ein Bier getrunken und alles war wieder gut.

Ich würde gerne noch was von deinem Fachwissen abbekommen. Sag mir doch bitte mal eine alte Band, die zu Unrecht vergessen wurde.

Da gibt es total viele! Hör dir mal Jazz Butcher mit Scandal in Bohemia an. Das ist eine meiner Lieblingsplatten der Achziger.

Und ein Newcomer Tipp?

Courtney Barnett! Die ist total super! Das beste Stück: Avant Gardener. Das ist eine Frau, bei der ich hoffe, dass sie auch mal im King Georg spielt. Courtney ist eine Songwriter Frau mit einer sehr coolen Backing Band, die total stumpf spielt und sie selbst spielt eine riesige Gitarre. In den englischen Zeitungen wird sie gerade ziemlich hoch gehandelt. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nächstes Jahr gar nicht mehr so unbekannt sein wird.

Welcher ist dein Lieblingsfilm?

Ich war Tocotronic sehr dankbar, als sie den Song Keine Meisterwerke mehr gemacht haben. Ich mag Filme, die so kleine Fehler haben. Die super sind, aber eben nicht ganz perfekt. Darum sage ich Compañeros von Sergio Corbucci mit einem meiner Lieblingsschauspieler Tomas Milian. Das ist ein Revolutions-Italo-Western. Mit Musik von Ennio Morricone. Im Film präsentiert er eine der besten Musiken, die er je geschrieben hat.

Der ist auch bald in der Lanxess Arena, richtig?

Genau! Der hat für ziemlich alle italienischen Filme, die Musik gemacht.

Spiel mir das Lied vom Tod!

Ja, Spiel mir das Lied vom Tod. Aber auch für totale Schundfilme – und selbst für die hat er noch total irre Soundtracks gemacht. Wer die alle kauft wird ein glücklicher Mensch. Und wer Compañeros guckt, sollte das am besten mit einer Flasche Tequila im Hochsommer machen.

Eric Pfeil unterwegs:

16.01. Aachen – Hotel Europa

23.01. Hamburg – Astrastube

14.02. Köln – Gebäude 9 (Wellspring Festival)

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