Die Philipshalle in Düsseldorf, früher Abend. Im weiten Zuschauerraum unter der aufgebauten und hell erleuchteten Bühne stehen vereinzelt kleine Grüppchen junger Menschen herum. Unter ihnen: Thomas Mars, Deck D’Arcy, Laurent Brancowitz und Christian MazzalaiPhoenix laden sich neuerdings Fans zum Meet & Greet ein. Im Vorfeld ihrer Konzerte dürfen die den Soundcheck aus nächster Nähe verfolgen und anschließend ungezwungen mit der Band plaudern.

In Düsseldorf hingegen nimmt man Meet & Greet offenbar recht wörtlich, jedenfalls ist die Atmosphäre zwischen Angehimmelten und Fans nicht unbedingt überschwänglich locker. Deck D’Arcy (Bass) und Laurent Brancowitz, genannt Branco, (Gitarre) setzen sich anschließend zu Fiete und Benni auf die leeren Sitze der Zuschauerränge für das HEY-Interview #13. Branco schnappt sich gleich den Fragebogen.

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Wie war das Meet & Greet mit den Fans?

Deck Es macht den Soundcheck lustiger.

Branco Der Soundcheck ist ein sehr technischer Prozess, aber den Leuten scheint es zu gefallen, dabei zu sein. Ich frage mich immer, warum, weil das meiner Meinung nach langweilig ist, aber da gibt es offenbar irgendeine Dramaturgie, die das Ganze spannend macht.

Deck Es ist noch recht neu für uns, wir sind noch dabei, herauszufinden, ob es cool ist oder nicht.

Branco Wir sind außerdem recht schüchtern.

Deck Wenn die Leute nicht schüchtern sind, läuft es gut. Aber manchmal stehen wir dann so voreinander, und keiner traut sich, was zu sagen.

Branco (lacht) Ja, und heute war es genauso.

Eigentlich hätten HAIM euch heute supporten sollen, aber jetzt sind sie schon in die USA geflogen, weil sie morgen einen Auftritt bei Saturday Night Live haben.

Deck Wir können verstehen, dass die dahin fliegen. Es ist ja eine große Chance, vor so einem großen Publikum aufzutreten. Wir waren zweimal bei SNL, beim ersten Mal war unser Host Seth Rogen, danach Melissa McCarthy.

Wie ist es denn, bei SNL zu sein und die Leute zu treffen?

Deck Es ist eine sehr verrückte Kombination aus Spaß und Anspannung. Die Shows, die wir da gespielt haben, waren sehr lustig, wirklich lustig. Gleichzeitig ist es für Künstler sehr stressig, denn es ist ja live. Es ist eine der letzten Shows, die noch live gesendet werden, und es schauen sehr viele Leute zu. Die Leute da sind the sweetest people, und die Show von hinter den Kulissen mitzuverfolgen ist sehr cool. Vor der eigentlichen Liveshow wird die ganze Sendung einmal komplett geprobt und aufgezeichnet. Ständig werden kurz vor Schluss noch Sachen geändert und so. Das ganze passiert vor einem Publikum, um deren Reaktion zu beobachten, und wenn die nicht so ausfällt wie erwartet, dann wird eben alles noch schnell umgeworfen. Es ist sehr hektisch, aber cool.

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Wie haben euch HAIM als eure Vorband gefallen? In Deutschland sind sie mittlerweile ganz schön groß. Mögt ihr HAIM?

Deck Ja, sie sind cool. Wir haben ihre Show letztens komplett angeschaut, und sie haben einen sehr guten neuen Track.

Branco Er ist wirklich sehr gut.

Deck Ich weiß den Titel nicht, aber vielleicht ist es ihr bester Song bisher. Nein, es ist ihr bester Track.

Was hört ihr gerade aktuell so? Habt ihr irgendwelche Empfehlungen von unbekannten Bands, vielleicht sogar aus Frankreich, die noch keiner kennt, aber bald der neuste Scheiß werden?

Deck Französisch? Puh. Es gibt eine französische Band, die wir mögen, die heißen Fauve, aber ich glaub nicht, dass die jemals nach Deutschland kommen, denn die sind schon sehr französisch. Es geht bei denen sehr viel um die Texte. Wir mögen Melody’s Echo Chamber sehr gern, das ist die beste französische Künstlerin zur Zeit.

Und international gesehen?

Branco Wir hören keine internationale Musik. Nur französische Musik.

Haha, genauso wie die französischen Radiosender, die ja eine Quote erfüllen und 70% französische Musik spielen müssen.

Deck Nein, nein. Das sind so 30%, aber das ist schon sehr viel. Oh doch, es sind 50%.

Die letzte Geschichte, die wir aus Frankreich gehört haben, war von einer bildhübschen Wettermoderatorin, die live im Fernsehen angekündigt hat: sollte die französische Nationalelf trotz 2:0 verlorenem Hinspiel doch noch die Qualifikation zur WM schaffen, würde sie bei den nächsten Nachrichten das Wetter nackt (frz. à poil) moderieren. Und das hat sie dann auch gemacht. Habt ihr was davon mitbekommen?

Beide (lachen) Nein.

Ist es für euch schwer auf Tour, die Nachrichten von Zuhause mitzubekommen?

Deck Wir verfolgen die Nachrichten nicht so sehr.

Branco Wir sind sowieso nicht super connected. Wir haben keinen Fernseher und wenn man kein Fernsehen schaut, dann bekommt man nix mit.

Und was ist mit Social Media?

Branco Social Media. Ja, da verfolgen wir gerade nur neue Memes.

Deck Und wenn man die Nachrichten schaut, hat man danach sowieso wieder alles vergessen. Wir gucken lieber Filme.

Wenn ihr auf Tour seid, geht ihr dann abends aus? Heute ist ja zum Beispiel Freitag.

Deck Vielleicht. Wir sind keine Party-Animals mehr. Manchmal…

Es ist ja öfters so, dass Musiker am Anfang ihrer Karriere nonstop Party machen…

Deck Jap!

… und dann später ruhiger werden.

Deck Andere Hobbies.

Muss eure letzte Platte Bankrupt nicht eine schwierige Platte gewesen sein? Wolfgang Amadeus Phoenix war so erfolgreich, dass sie, zumindest ist das für uns gut vorstellbar, eine große Erwartungshaltung erzeugt hat und so eventuell ein großer Druck auf euren Schultern lastete. Habt ihr diese Erwartung von außen gespürt?

Deck Wir haben bei jedem Album Druck, denn wir sind mit jedem Release größer geworden. Deswegen kennen wir das nicht anders. Man kann den Druck ja nicht messen. Wir haben versucht, diese Erwartungshaltungen außerhalb von dem Studio zu halten, da sie ganz klar die Kreativität behindern würden. So bewahren wir uns die künstlerische Freiheit.

Gab es keinen Labelboss, der euch Vorschriften machen wollte?

Deck Niemand kann uns etwas vorschreiben, denn wir produzieren unsere Alben selber. Wir haben die totale Kontrolle über den Aufnahmeprozess. Keiner wagt es, uns etwas zu sagen. (lacht) Aber eigentlich könnten wir mehr Druck gut vertragen. Wir lieben es, die Arbeit aufzuschieben.

Branco Keiner traut sich, uns was zu sagen, weil alle Feiglinge sind.

Deck Sie sind Pussies!

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein so aufwändiges und cheesy Video zu Trying To Be Cool zu drehen? War das nicht sehr teuer?

Deck Nee nee. Wir haben das mit den Jungs von Canada gemacht, das ist ein Team aus mehreren Producern. Sie haben ihr eigenes Studio in Barcelona und arbeiten nur mit Leuten, die sie kennen.

Es sieht so anstrengend aus.

Deck War es aber nicht. Es war zwar vielleicht deswegen ein wenig anstrengend, weil es ein langer Tag war, aber im Endeffekt war es sehr witzig und unsere beste Videodreh-Erfahrung bisher. Bei weitem! Am Ende sieht es dann auch noch so geil aus. Canada sind super Leute, wir wollen weiter mit ihnen zusammen arbeiten, denn wir haben ihnen komplett vertraut. Es ist manchmal problematisch, unbekannten Leuten zu vertrauen mit denen wir arbeiten, deswegen versuchen wir über alles Kontrolle zu haben. Aber bei diesen Jungs haben wir sie komplett aus der Hand gegeben. Wir haben zwar mit ihnen das Konzept ausgearbeitet, aber sie dann beim Directing einfach machen lassen.

Also sehen wir bald eine neue Kooperation mit Canada?

Deck Ja, aber das ist auch immer eine Frage der Zeit.

Werden solche ungewöhnlichen oder interaktiven Musikvideos wie zum Beispiel Happy von Pharrell Wiliams oder Bob Dylans neues Video zu Like A Rolling Stone immer wichtiger? Gerade in Zeiten von Downloads und sinkenden Plattenverkäufen?

Deck Es ist auf jeden Fall wichtiger als früher.

Branco Die Aufmerksamkeitsspanne der Leute wird immer geringer. Heutzutage hat man viel mehr Freiheit, Videos zu gestalten, als zu Zeiten, in denen noch Fernsehsender bestimmen konnten, was gezeigt wurde. Denn bei uns haben sie immer etwas gefunden, das ihnen nicht gepasst hat. Unsere Videos wurden nie gespielt. (schmollt)

Deck Sie waren immer zu dunkel oder zu hell. Also einfach Einwände, die gegen jegliche Kreativität gewirkt haben. Jetzt kann man mehr verrückte Sachen machen.

Branco Wir finden, dass die modernen Zeiten eine Verbesserung darstellen. Selbst wenn weniger Geld zur Verfügung steht, wird der Musikvideomarkt wenigstens nicht von Arschlöchern kontrolliert. Heute gehören solchen Leute zum Glück keine Musiklabels mehr, jetzt besitzen sie große Telefonunternehmen oder ähnliches.

Just in diesem Moment kommt ein Manager vorbei, um uns darauf hinzuweisen, dass unsere Interview-Zeit abgelaufen ist.

Branco (zum Manager) Schon okay, wir machen etwas länger. It’s Quality Time.

Woher kommt diese Einstellung, dass ihr ungern Kontrolle abgebt?

Deck Das ist eine schlechte Angewohnheit von uns. (lacht) Nein, wir ziehen es vor, Sachen abzuliefern, die wir selbst gemacht haben, auch wenn es vielleicht jemand externes besser gemacht hätte. Zum Beispiel macht Branco die Designs für unsere Cover. Je persönlicher unser Werk an sich ist, umso ehrlicher. Es geht alles darum, ehrlich zu sein. Das bedeutet nicht, dass es dann unbedingt das beste ist, aber das ist eben unsere künstlerische Vision. Vielleicht ist diese Haltung etwas dumm, aber das spiegelt wieder, was wir fühlen.

Branco Immer, wenn wir jemand anderen gebeten haben, für uns etwas zu tun, war das Endprodukt scheiße. (lacht) Es ist schwierig, gute Leute zu finden. Denn die Welt ist überbevölkert mit Leuten, die schlecht sind. Vielleicht haben wir auch einen schlechten Riecher für sowas, auf jeden Fall sind wir schlecht in Kollaborationen. Denn wir kennen uns schon so gut und lange, dass wir kaum reden müssen, um uns gegenseitig Sachen zu erklären. Wenn jetzt jemand von außen kommt, haben wir überhaupt keine Ahnung, wie wir dem irgendwas erklären sollen. Vielleicht it’s not cool, man!? (lacht) Wir sind keine Band, die sich mit 25 zum ersten Mal getroffen hat und Sachen sagt wie Ich liebe den Gitarrensound von The Byrds, Man!. Wir reden nie über sowas, wir haben exakt den gleichen Geschmack. Weil wir sehr schlecht in Kommunikation sind, fällt es uns so schwer, Leute zu finden, mit denen wir arbeiten können. Es war sehr schwierig, Rob und Thomas zu finden, die mit uns live auf der Bühne spielen. Es hat sieben Jahre gedauert, bis wir den richtigen Live-Keyboarder gefunden hatten.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr einfach zu höflich seid.

Branco Non. Wir sind nicht sehr höflich.

Jetzt gerade geht’s aber.

Branco Ist es okay? Aus den gleichen Gründen, aus denen unsere sozialen Fähigkeiten zurückgebildet sind, vergessen wir eben manchmal, uns zu benehmen. Wenn wir bei einem Freund zum Essen eingeladen sind, vergessen wir, am nächsten Tag anzurufen und uns zu bedanken, weil wir es gewöhnt sind, in einem Käfig voller Arschlöcher zu leben. Also mit uns gegenseitig. Uns fehlen da einfach einige Teile der Erziehung.

Quality Time: Branco (links, mit HEY-Fragebogen) und Deck (mit HEY-Postkarte)

Quality Time: Branco (links, mit HEY-Fragebogen) und Deck (mit HEY-Postkarte)

Ihr seid zusammen in Versailles aufgewachsen. Viele Leute waren schonmal da, aber nur, um das berühmte Schloss zu besichtigen. Könnt ihr den Ort Versailles beschreiben?

Deck Versailles liegt in der Nähe von Paris, ist aber ganz anders. Versailles ist eine Museumsstadt, die wunderschön aussieht, deswegen empfehle ich jedem, sich das mal anzuschauen. Aber dort leben ist natürlich etwas anderes. Gerade für Kids ist kaum was los. In der Stadt herrscht eine merkwürdige Atmosphäre aus konservativen, aristokratischen, schweren Vibes. Wahrscheinlich hat diese Umgebung schon dazu beigetragen, bei uns eine Anti-Haltung all diesem Konservativen gegenüber zu entwickeln. Doch waren wir nie richtige Rebellen. Wie auch immer: in Versailles haben wir uns gefunden! Und das auch noch in einem sehr jungen Alter. Darüber sind wir sehr glücklich. In Versailles hat man es vielleicht etwas schwerer als in anderen Städten, herauszufinden, was cool ist und was nicht. Wobei: der Plattenladen in Versailles war sehr gut. Wir wissen immer noch nicht, warum der Typ gerade in Versailles einen Plattenladen hatte, denn er war im Großraum Paris echt berühmt. Dabei war er teuer und auch echt unfreundlich.

Branco Er war ein Arschloch.

Deck Ein echtes Arschloch, so typisch der sture Typ, der Analog allem anderen vorzieht und so weiter.

Branco Wenn da Leute eine CD von U2 oder The Police gesucht haben, uiuiui… Die erste Platte, die mein Bruder da gekauft hat, war von NEU!, und zwar NEU! 2. Für 10 Francs, das sind umgerechnet 1,50 €. Ich war sehr stolz auf ihn. Damals war er zwölf oder vierzehn Jahre alt.

Deck Die hat er doch nur gekauft, weil ihm das Cover so gefiel.

Branco Das bezweifel ich. Das Arschloch aus dem Plattenladen hatte jedenfalls keine Ahnung, was er da verkauft. 10 Francs für die Originalversion war nicht der richtige Preis. (lacht dreckig)

Habt ihr schon Pläne für ein neues Album?

Deck Wir haben noch nicht angefangen, darüber nachzudenken.

Schreibt ihr neue Songs auf Tour?

Deck Nein, nur im Studio. Ab und zu sind wir dafür auch schonmal woanders hingefahren, einmal nach Berlin. Das war vor acht Jahren. Super wars. Gestern waren wir in Berlin und sind an den alten Orten vorbei gegangen.

Vor acht Jahren war Berlin noch nicht so cool wie jetzt – oder zumindest wie sein aktueller Ruf. Ihr wart früh dran.

Deck Wir waren schon beeindruckt von dem ganzen alten Zeug. Die Hansa-Studios zum Beispiel. Ein Raum davon ist jetzt ein Restaurant, und man kann Touren machen. Da gibt’s nen Guide, der Leute wie uns und euch durch die Hansa-Studios führt. Wegen David Bowie und so. Wir haben es aber nicht gemacht.

Branco (der sich eine Weile schon mit seinem Smartphone beschäftigt) Entschuldigung. Ich möchte auf euren Fragebogen Elizabeth II. malen, aber ich finde kein gutes Bild hier im Internet.

Hier eine Frage unseres Lesers Albrecht: warum sind auf dem aktuellen Album Bankrupt so wenige Balladen? Er ist ein großer Fan all der Balladen auf Alphabetical.

Branco Es macht Spaß, Balladen zu schreiben. Aber es ist langweilig, Balladen zu spielen. Das Tempo ist zu langsam, es ist schwer, die Spannung aufrechtzuerhalten. Wir mögen das nicht. Das ist zwar ein sehr egoistischer Ansatz, aber wir müssen ja auch unseren Instinkten folgen.

Das wars. Vielen Dank für das Interview. Habt ihr vielleicht noch Fragen?

Deck Wann habt ihr angefangen mit eurem HEY-Blog?

Vor drei Jahren.

Deck Viel Glück damit! Macht ihr das zu zweit?

Nein nein. Drei Jungs aus Köln haben HEY gegründet, und mittlerweile sind wir insgesamt elf, die für HEY schreiben. Der Großteil wohnt in Köln, aber wir haben auch Leute in Hamburg und sogar eine in Paris.

Deck Ihr schreibt wahrscheinlich auf Deutsch, ne?

Ja genau. Sprecht ihr Deutsch? (Branco war vorhin, als er von der NEU!-Platte seines Bruders erzählte, kurz in die deutsche Sprache abgerutscht: „Zehn Francs!“)

Branco Ja, wir sprechen Deutsch. Sind aber sehr schlecht darin.

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