Mit Clash The Truth haben die wunderbaren Indie-Weirdos von Beach Fossils dieses Jahr endlich ihr ersehntes zweites Album auf den Markt geworfen. Wunderbar schrammelnd und friemelig klingt die Band nicht nur auf der Platte selbst, sondern auch live auf der Bühne – unter anderem auch, als sie den Festsaal Kreuzberg in Berlin bespielten. Bevor es dann aber zu schwitzig wurde, haben wir Dustin, den Sänger, Gitarristen und Gründer der Band – und ihr einziges konstantes Mitglied – auf einen kleinen Plausch getroffen.

Wie Hurricane Sandy musikalischen Einfluss nehmen kann, dass die Gentrifizierung, auch wenn dies gerne von Hauptstädtern behauptet wird, nicht nur ein Berliner Problem ist, und warum wir uns darauf einstellen müssen, dass es bald ein Limp Bizkit-Revival geben könnte – lest ihr hier!

Hey Dustin, schön, dass ihr heute Abend da seid. Es ist aber nicht das erste Mal, dass ihr in Berlin spielt – wie war das letzte Mal?

Dustin: Das letzte mal haben wir im Bang Bang Club gespielt, das war klasse!

Den Club gibt es ja leider nicht mehr – überhaupt machen hier gerade viele Clubs zu oder müssen umziehen. Gentrifizierung ist da sowohl Schimpf- als auch Stichwort. Kennt ihr das Problem aus New York?

Dustin: Die Gentrifizierung ist in der Tat ein krasses Problem in und für New York. Manche Viertel verändern sich so schnell und so heftig, jedes Jahr müssen wir woanders auftreten, weil wieder ein anderes Viertel “in” und ein anderes zu teuer für die Leute geworden ist, die zu unseren Konzerten kommen. So viele DIY-Venues müssen zumachen. Auf der anderen Seite zeigt sich gerade in so einer Phase, wie kreativ und spontan die Menschen sind: Irgendwo findet sich immer ein neuer Ort für Konzerte. Deshalb bleibt die Underground- und DIY-Kunstszene in New York weiterhin ziemlich “busy”.

Wo wir gerade von DIY sprechen: Musik selbst zu produzieren, am besten im eigenen Schlafzimmer (Bedroom Pop), scheint ein riesiger Trend zu sein. Du hast dein erstes Album ja auch zu Hause produziert. Woher denkst du kommt dieser Trend?

Dustin: Ganz einfach: Es ist billig. Die Plattenfirmen wollen den Künstlern keine Studios mehr bereitstellen, die Künstler selbst können sich keine Studios mehr leisten, deshalb nehmen wir unsere Musik einfach zu Hause auf. Das ist auch eine gute Art, um zu lernen, selbst Musik zu produzieren – zumindest ich habe das so gelernt. Es ist so einfach, wenn du einen eigenen Computer hast, hast du auch direkt dein eigenes Studio. Du kaufst dir einfach noch ein Mikrofon, holst dir die Software et voilà. Der Grund, warum die Leute zu Hause produzieren, ist also eher pragmatisch. Sie tun es definitiv nicht, weil das Home-Recording so einen besonderen Charme hätte.

Welche Rolle spielt das Internet für euch, vor allem Blogs oder Seiten wie Bandcamp? Bringt euch das was?

Dustin: Nun, selbst die populärsten Künstler im Independent-Bereich sind eigentlich pleite. Natürlich kriegst du über das Internet viel Aufmerksamkeit, aber allein damit verdienst du natürlich kein Geld. Und niemand kauft noch Platten, ich kaufe ja selbst keine mehr. Für die ganze Musik, die ich besitze, habe ich nicht bezahlt – ich lade mir meine ganze Musik runter.

Oha.

Dustin: Ich fühle mich aber nicht schlecht deswegen, ich gehe ja zu vielen Konzerten! Dadurch unterstütze ich Bands. Und auf dem Konzert kaufe ich mir auch die Platten. Aber ich denke wirklich, dass diese ganze Download-Geschichte eine super Sache ist: Die Leute kommen zu unseren Shows und kennen alle Songs, weil sie die Möglichkeit hatten, unsere Musik vorher zu hören und zu mögen. Ansonsten würden niemals so viele Leute zu unseren Konzerten kommen. Wenn das Internet nicht existieren würde, würden wir zum Beispiel nie in Berlin spielen, uns würde ja niemand kennen. Es ist toll, wir kommen in ein anderes Land und die Menschen dort können unsere Lieder mitsingen. Mir ist es egal, ob sie unsere Musik kaufen oder nicht – Hauptsache, sie kommen zu den Konzerten! Sie sind der Grund, weshalb ich von der Musik leben kann.

Naja, aber durch die Musik selbst ein bisschen Geld zum Leben zu haben, wäre sicherlich auch nicht schlecht.

Dustin: Dadurch, dass die Leute zu den Konzerten kommen, dort vielleicht auch eine Platte oder ein T-Shirt kaufen, verdienen wir ja Geld. Und sowieso wird nie jemand verhindern können, dass sich Leute Musik umsonst aus dem Internet herunterladen. Ich bin auch dagegen, denn es wäre für mich eine gewisse virtuelle Zensur. Wenn ohne Zensur zu leben impliziert, dass jemand meine Musik irgendwo herunterlädt, dann ist das eben so. Ich mache es ja selbst genauso. Aber es gibt ja immer noch Leute, die Platten kaufen.

Platten sind ja auch wieder total en vogue..

Dustin: Klar! Durch die ganze Digitalisierung ist es so dermaßen einfach, an Musik zu kommen – wer aber wirklich noch das ganze Paket haben will, wer was in der Hand haben will, der kauft sich eben die Platte. Gerade für Independent-Künstler laufen die Verkäufe ganz gut. Es ist einfach etwas intimes, so eine Platte in den Händen zu halten, die jemand mit soviel Sorgfalt geschaffen hat.

Stimmt – jetzt aber mal back to basics und zu der Band. Beach Fossils ist ja nicht wirklich eine Band, du bist ja selbst die einzige Stammbesatzung, der Rest wechselt andauernd…wie beeinflusst das deine Musik?

Dustin: Ich glaube nicht, dass es die Musik großartig beeinflusst, außer Toni [der Schlagzeuger der Band] wäre weg. Das erste Album und die erste EP habe ich quasi im Alleingang aufgenommen, auf dem neuen Album hat Toni aber das Schlagzeug übernommen – und er spielt einfach soviel besser als ich, er ist ein Genie! Er ist der beste Musiker in der ganzen Band, du kannst ihm irgendein Instrument geben und er kann es spielen. Es ist verrückt! Ich konnte bis jetzt alle Leute immer relativ einfach ersetzen, aber ich glaube, bei Toni würde das schwer werden..

Das neue Album hört sich ja schon ein wenig rougher an als sein Vorgänger.

Dustin: Ja, es wurde viel von meinen Live-Shows beeinflusst. Ich habe früher sehr viel in Punkbands gespielt, mein erstes Konzert war als Bassist einer Trash-Punkband. Der Sänger war total verrückt, ist während des Konzertes auf der Bar rumgesprungen – oder hat auf der Bühne masturbiert. Das war sozusagen mein erster Eindruck von: Ah, so fühlt sich das Dasein in einer Band also an. Du drehst einfach total durch auf der Bühne und springst in die Menge.

Und heute Abend?

Dustin: Gibt’s allerhöchstens musikalische Masturbation auf der Bühne.

Gab es irgendeine besondere Platte, die du während der Produktion des neuen Albums gehört hast?

Dustin: Nichts spezielles, aber ziemlich viel Punk, Free-Jazz, grundsätzlich Musik mit viel Energie, No Wave. Gerade No Wave hat mich ziemlich beeinflusst. Ich brauch Musik, die sehr intensiv und extrem ist, vielleicht entspricht das auch einfach meinem Charakter, und meine Musik drückt das wiederum aus. Auf der Platte selbst hört sich das vielleicht noch relativ ruhig an, live auf der Bühne bricht dann aber auf einmal alles raus.

Euer Studio, in dem ihr das Album abgemischt habt, wurde durch Hurricane Sandy komplett zerstört.

Dustin: Genau in der Zeit, als Sandy kam, hatten wir eine dreitägige Aufnahme-Pause. Und genau während dieser drei Tage hat Sandy unser Studio fast komplett zerstört, wir haben fast alle unsere Aufnahmen verloren. Wir hatten schon alles aufgenommen, hatten gerade mit dem mixen angefangen – und glücklicherweise hat unser Mixer noch eine Sicherheitskopie gemacht, ganze zwei Stunden, bevor das Studio komplett unter Wasser stand. Der gute Mann hatte anscheined eine Vorahnung.

Und wenn alles weg gewesen wäre?

Dustin: Wäre auch nicht so schlimm, dann hätte ich zu Hause noch einmal alles neu aufgenommen. Ich buche das Studio ja sowieso nur, um Toni ans Schlagzeug zu setzen.

Musik ist heute so schnelllebig – was ist deiner Meinung nach das nächste ‚big thing‘?

Dustin: Es könnte, immer noch, Dubstep sein. Rockmusik ist wirklich einfach tot. Wenn du dir die Charts in den USA anschaust, wirst du keinen Rock, sondern hauptsächlich Pop und Rap finden. Das ist okay, Rockmusik hatte ihre große Zeit, und es gibt sie auch schon so lange. Rock hat alles erreicht und wurde in alle möglichen Richtung weiterentwickelt, wie es nur irgendwie möglich war. Rockmusik hat nur einfach keine Zukunft. Natürlich finde ich Rock toll, aber er bietet einfach kein kreatives Entwicklungspotential. Das finden die Menschen jetzt eben in elektronischer Musik. Ich glaube, dass es überhaupt keine wirklich neuen Genres mehr geben wird, sondern das einfach alles nur noch miteinander vermischt wird.

Gibt’s denn noch innovative Künstler?

Dustin: Wirklich innovativ? Ich glaube nicht. Natürlich gibt es tolle Bands, die super Musik machen. Aber sie erfinden das Rad nicht komplett neu, sondern packen einfach neue Flicken dran. Spätestens alle 20 Jahre wiederholt sich Musik, vielleicht in ein paar Jahren sogar alle sieben Jahre. Bald werden wir Hipster-Korn-Bands haben, vielleicht sogar Hipster-Limp-Bizkit-Bands! Dieses ganze Hipster-Ding kommt ja nur daher, dass die Leute unbedingt ironisch sein wollen, sich selbst aber paradoxerweise viel zu ernst nehmen. Die Wiederholungszeiträume werden einfach immer kürzer. Chillwave war ja auch auf einmal da.

Was hältst du denn überhaupt von diesen ganzen Klassifizierungen, die gerade so auf den Blogs rumschwirren: Lo-Fi, Beachrock, Surfrock, Shoegaze…

Dustin: Das ist doch alles nur ein Witz. Mir wird schlecht bei diesen ganzen Beschreibungen à la „das ist das neue shoegazy-reverb-surfrock-lo-fi-thing“. Ich würde nie zu dem Konzert einer Band gehen, deren Musik so beschrieben wird.

Und deine eigene Musik klingt wie?

Dustin: Das kann ich nicht genau sagen..es ist einfach Musik. Ich mache einfach die Musik, die mir gefällt. Das ist so wie kochen. Wenn du richtig Hunger, aber eigentlich kaum noch was im Kühlschrank hast, dann musst du kreativ werden. Aber wirklich etwas bahnbrechend Neues hast du nicht, wenn du nur mit Brokkoli und ein paar Eiern kochen kannst. Du machst es aber eben einfach so, wie es dir schmeckt – und gefällt.

Deine aktuellen Musik-Tipps? Wen würdest du für ein Festival jetzt im Sommer buchen?

Dustin: Gute Frage…wir finden Ice Age total klasse. King Krule gefällt mir, Mac deMarco, Kurt Vile, der ist klasse. Chairlift ist auch ziemlich cool, oder Thieves Like Us, definitiv…Korn und Limp Bizkit! Das wäre doch ein Plan, wir bringen New Metal zurück! Das Festival würde ich übrigens Cyber-Rasta nennen. Oder Steamfunk. Oder wirklich einfach New Metal Love Affair.

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