Endlich ist es da: In Technicolor, das nicht nur von uns lang erwartete Debüt-Album der beiden Kölner Marius Bubat und Georg Conrad also known as COMA. Und gut ist es geworden! Wer es noch nicht gehört hat, kann das im Stream von SPIN nachholen (und danach dann schön in den Plattenladen gehn, ne?). An einem warmen Abend im April haben wir (Florian und Benjamin) Marius und Georg auf ein Bier getroffen und ihnen mit einigen knallharten Fragen brandheiße Informationen über ihr erstes Album, den Gardasee und Bette Davis Eyes entlockt!

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Wie fühlt sich das jetzt für euch an, so kurz nach dem großen Startschuss?

Marius: Bei mir ist das eigentlich total abstrakt, weil ich gar kein Datum daran (Red.: am Release) festmachen konnte. Weil das alles irgendwie schwammig ist. Was passiert denn wenn ein Album rauskommt? Man kann es dann halt kaufen, aber man hat ja nicht auf einmal mehr oder weniger damit zu tun. Vorher macht man Interviews oder Podcasts zu Promo-Zwecken und es nervt einen zu Tode. Denn wenn du nicht gerade ein Riesen-Bigname bist, dann hast du ja nicht im Vorfeld auf einmal eine mega Promowelle, sondern das ist immer so ein Step by Step-Ding. Ich glaube, wenn du ein richtig großer Act bist, dann springen alle Medien drauf an. Dann gibt’s Interviewtermine in irgendeinem Hotelzimmer. Und du machst halt eine Woche oder einen Monat lang nur Interviews, und dann kommt der Releasetermin. Bei uns war das aber alles so schwammig…

Was ist dann so mit dem Gefühl, dass das Album endlich draußen ist, und dass die Leute das Album kaufen und hören können – reizt euch das Feedback nicht?

Marius:Ich finde das Feedback immer extrem spannend. Zwei Sachen sind ja vorher schon released worden, zwei Stücke die auf dem Album sind. Und da ist man natürlich immer gespannt, wenn man ein Video oder einen Link postet: Was kommt denn da zurück? Und dann googelt man seinen eigenen Namen (lacht).

Georg: Wir sind ja auch nicht so ein dicker Mainact, dass die Leute zum Release auf einmal schreien: was ist das für ein heißer Scheiß? Und wir hatten durch die Vorab-Singles gutes Feedback bekommen. Wir sind auf jeden Fall selbstbewusst genug, um zu behaupten, dass da noch mehr Potenzial ist.

Marius: Und was ich auch glaube, ist, dass es in der heutigen Zeit einfach nochmal was anderes ist wenn du ein Album releast als früher. Weil: Eigentlich funktioniert dieses „ich poste jetzt ein Video und krieg dann Feedback“ oder „ich poste einen Link bei Soundcloud und kriege dann Feedback“ in meinem Gefühl fast besser. Das heißt, wenn wir jetzt noch einen dritten Track bei Soundcloud hochlgeladen und den gepostet hätten, hätten wir darauf wahrscheinlich mehr Feedback bekommen als für das komplette Album.

Zum Thema Releases: Ihr seid trotz Debüt-Album nicht wirklich neu. Ihr macht ja schon eine ganze Weile Musik, und habt vorher schon EPs, Singles und diverse Remixe rausgebracht. Ihr habt die Frage wahrscheinlich schon über, aber: Warum so spät dann doch noch ein Album?

Marius: Dauert halt (lacht). Nee, wir haben tatsächlich auch teilweise Tracks, die auch tendenziell für ein Album in Frage gekommen wären, vorher auf EPs verbraten. Und ja, letztendlich ist es dann auch ein bisschen schwierig, denn man lebt ja im Endeffekt so ein bisschen von den Bookings. Und dafür muss man ja auch immer am Start sein und Sachen rausbringen, und wir haben halt nie das Gefühl gehabt dass irgendetwas fertig ist. Wir waren mal bei Kompakt und haben gesagt: Hier, das ist gerade der Status Quo, und da war das Feedback dann auch in die Richtung: „Da müsst ihr vielleicht nochmal ein bisschen dran arbeiten“. Das war natürlich eine Ernüchterung, aber wir haben dann relativ schnell gecheckt: „Ja, das stimmt eigentlich…“. Und wir hatten so viele Demos, da hast du irgendwann so einen Punkt, wo dann alles ins Rollen kommt, weil man merkt: ja, okay, in dem Track macht man halt dies – und dann ist man auch auf einem anderen Track noch mal schlauer. Im Endeffekt hat es so lange gedauert weil wir den roten Faden dafür nicht früher hinbekommen haben. Und auch keinen Bock darauf hatten, einen Schnellschuss raus zu kloppen.

Also war es schon so ein Perfektionismus-Ding?

Georg: Wir wollten schon, dass es hundertprozentig gut ist. Aber gerade bei Kompakt ist es in dem Business ja auch eher Standard, mehrere EPs rauszubringen. Von daher gab es nicht unbedingt die Notwendigkeit, ein Album rauszubringen, um uns einen Namen zu machen.

Marius: Das hat ja nicht unbedingt was mit der Elektronikszene zu tun, sondern auch damit, wie die Leute heutzutage Musik hören. Jetzt merkt man natürlich trotzdem: so ein Album ist zwar eigentlich nicht notwendig, weil die meisten Leute sich nur bestimmte Stücke anhören, aber promo-technisch macht es dann doch einen Unterschied.

In in der Popmusik ist das Album aber doch eine Kunstform, die es so noch gibt. Habt ihr euch nur wegen des Promo-Effekts entschieden, ein Album zu machen?

Marius: Wir haben seit drei Jahren ungefähr den Gedanken und arbeiten seitdem eigentlich daran. Wir sind ja nicht mehr 20 oder so und haben schon Zeiten erlebt, in denen uns Alben mega begeistert haben. Und deswegen hat man dann immer den Traum, auch ein Album rauszubringen. Für uns war das total klar, dass wir das so machen müssen. Aus persönlichen Gründen, komplett losgelöst von allem anderen. Dass, was ich gerade gesagt habe, ist wirklich so eine Erkenntnis, die man dann hat. Vor allen Dingen, weil Leute dann fragen: wieso hat das denn jetzt so lange gedauert? Aber: Ja. Letztendlich hat es halt einfach so lange gedauert…

Georg: Wir haben es vielleicht zu früh angekündigt. Grundsätzlich ist es ja auch so, dass man auf einem Album viel experimentierfreudiger sein kann. Sich mehr auf das Ursprüngliche besinnt und einfach so ein bisschen Narrenfreiheit hat.

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Ihr werdet ja auch immer wieder als Elektro-Act beschrieben, der viel mehr von einer breiteren musikalischen Seite kommt. Da liest man z.B. oft: Man merkt, dass die aus dem Indie kommen. Habt ihr das selbst so kommuniziert?

Marius: Nein. Letztendlich sind das Aussagen, die daher kommen, dass Leute die Musik hören und denken: Ok, vielleicht ist das ein bisschen anders als andere Sachen, die eher so im DJ-Kontext stattfinden und eher funktional sind. Wir sind da mehr oder weniger ein bisschen reingerutscht und haben angefangen elektronische Sachen zu produzieren und waren dann auf den ersten Parties – z.B. der Total Confusion hier in Köln – wo man dann halt gemerkt hat: Techno ist nicht das, was man so vom Dorf kannte. Und dann war der Einfluss irgendwann nicht mehr zu leugnen.

Georg: Ich glaube, man hörts auf unserer ersten Platte – dieser Easy-Platte – dass wir da auch eine Euphorie draus gezogen haben. Seien es irgendwelche Club-Erlebnisse, irgendwelche durchgefeierten Nächte, die man dann versucht, mit der Musik einzufangen.

Ich find aber auch, dass dieser Band-Sound, dieses Indie-Ding, auch auf eurer aktuellen Platte zu hören ist. Les Dilettantes klingt ja zum Beispiel eigentlich wie ein Band-Song.

Georg: Da hatten wir auch nen Gastsänger, den Edi (Red.: Winarni) von MIT, das ist eigentlich auch sinnbildlich für die Verspieltheit vom Album.

Marius: Ich hatte das Gefühl, dass wir nach dem ersten Release gemerkt haben: wir sind plötzlich ein Techno-Act. Und dann hat man sich auch tatsächlich so ein bisschen darauf eingestellt. Man wusste natürlich: gewisse Dinge funktionieren. Man hat immer noch sein eigenes Ding mit eingebracht, aber trotzdem hat man immer im Hinterkopf: Ey, wenn wir das jetzt so und so machen, dann knallt es halt auf dem Dancefloor alles weg. Jetzt, zum Album, war eigentlich von vornherein klar: Wir wollen eigentlich wieder zurück zu dieser Naivität, die man hat, wenn man anfängt, elektronische Musik zu produzieren. Weil man im Endeffekt so viele Möglichkeiten hat und gar nicht genau weiß, was man damit anfangen soll. Mit dem ganzen Wissen, das man hat, oder mit den ganzen Konzerten und Shows in Clubs, die man halt gespielt hat, geht man irgendwann halt anders an die Sache ran. Wir haben uns sehr schwer getan, ich glaub deswegen hat das unter anderem auch so lange gedauert, dass man einfach sagt: wir scheißen jetzt darauf, und auf die Konvention. Es ist halt ein Album, da kann man auch andere Sachen machen.

Heißt das: Deckel drauf – auf dem Album ist ein neues COMA zu hören? Als dass man mit diesem Wissen eine neue musikalische Ebene aufzieht; eine Art Neudefinition?

Marius: Man hat ja auch positives Wissen, dass man zum Beispiel einen besseren Sound hinkriegt, als noch vor fünf Jahren. Das ist ja klar. Auch was Arrangement-Geschichten angeht und Sachen, die man im klassischen Club-Kontext nicht machen würde, war das wirklich so, dass wir gesagt haben: okay, das brauchen wir jetzt nicht mehr.

Wer hatte eigentlich die Idee zu Bette Davis Eyes?

Marius: Er.

Georg: Meine Freundin meinte, sie fänd‘ … nee, sie hatte das Lied aufm Rechner, und ich dachte so aus Spaß: könnte man da nicht mal was mit machen?

Marius: Nee, wir waren doch im Zug und du hattest dieses Layout, wo ich dachte: das ist eigentlich ganz groovy. Und dann meintest du: lass Bette Davis Eyes mal da reinziehen. Und ich natürlich direkt so: boah nee, das ist ein bisschen cheesy! (lacht)

Georg: Es ist auch völlig over the top, das Lied. Aber weil wir es dann mit dem Vocoder, den Marius eingesungen hat, nochmal in so ne Cover-Richtung bringen, ist es wieder vertretbar.

Marius: Ich wollte die Vocals von vornherein relativ krass Mickey Mouse-mäßig machen, um das Ganze ein bisschen zu relativieren. Mit so ’nem Augenzwinkern. Letztendlich ist es vielleicht ein bisschen zu krass geworden, aber es funktioniert für gewisse Leute ziemlich cool, im Club, und ich finds immer noch total gut. Aber aufs Album sollte es nicht. Trotzdem hast du diese Augenzwinker-Momente auch auf dem Album. Das sind Stellen, an denen man vielleicht denkt: Boah, nee, muss man den Sound jetzt da rein ballern? Aber: Warum denn nicht? Kann doch auch sein, dass man sich mal ein bisschen kaputt lachen muss. Warum muss man denn Musik immer so super ernst nehmen?

Georg: Das Lied ist der Beweis dafür, dass es lustig sein kann und auch Pathos hat. (lacht)

Ihr habt ja bereits als klugen Schachzug quasi die Erklärung zum Albumtitel mit der Promo mitgeliefert. Die Frage ist also jetzt nicht: warum heißt das Album In Technicolor?, sondern: Warum beschreibt ihr die Sachen auf dem Album jetzt als bunt, während vorher alles schwarzweiß war?

Marius: Ich hatte die Idee für den Titel, deswegen spreche ich jetzt mal von mir: Ich wollte das Album durch den Titel nicht unbedingt von unseren vorherigen Releases abgrenzen – das schwebt nur ein bisschen mit. Die Idee dahinter war eher, dass man eine Art Kunstwort findet, um zu beschreiben, welchen Prozess dieses ganze Album genommen hat. Für elektronische Musik kann man ja nicht einfach ein Zitat aus einem Song nehmen, weil textlich ja relativ wenig passiert (lacht). Jetzt ist es kein Kunstwort, sondern dann doch ein konkretes Wort geworden, was aber diese Mischung aus technischem und organischem Sound als Idealbild ganz gut beschreibt.

Hat diese aktive Suche nach einem Titel lange gedauert? So eine Findungsphase stelle ich mir ganz fürchterlich vor.

Marius: Das ist auch fürchterlich, und extrem schwierig. Im Urlaub am Gardasee habe ich mir tatsächlich Notizen gemacht, so wie man es sich vorstellt. Erst hatte ich noch ein Wortspiel im Kopf: „Technocolor“. Einen Tag lang dachte ich: voll lustig ey! Aber dann fand ich’s selber scheiße. „Technicolor“, das weiß ja irgendwie jeder, ist das erste Farbfilmverfahren und so weiter, da dachte ich mir, wenn, dann muss es auch „In Technicolor“ heißen. Was man dann wiederum auch schon aus ’nem Coldplay-Titel kennt, „Life In Technicolor“. Erst bemerkte ich da eine Hemmschwelle und dachte, das kann man deswegen nicht machen. Aber dann denkt man: Ja mein Gott, warum denn nicht? Jeder hat irgendwas schonmal irgendwo gemacht, whatever. Also ich dann so zu Georg: Lass das so nennen.

Georg: Ich so: ok. (lacht)

Seid ihr ne demokratische Band?

Georg: Nee, was solche Sachen angeht, hat Marius auf jeden Fall mehr Feingespür und mehr Ambitionen. Da wehre ich mich auch gar nicht. Der Titel hat im Zuge unseres Covers auch Sinn ergeben, weil die Promos unseres Albums in schwarzweiß gekommen sind, das richtige Cover aber bunt ist.

Marius: Da haben wir aber auch ne Not zur Tugend gemacht, weil für die Promos nicht so viel Geld zur Verfügung stand.

Georg: Man kann es aber auch als Konzept verkaufen. (lacht)

Ihr wurdet zumindest von Labelseite immer so als Kölner Hoffnung gepusht. Dadurch habt ihr einerseits diesen Lokalbezug, auf der anderen Seite seid ihr international immer mehr unterwegs. In Europa seid ihr ohnehin schon überall aufgetreten, jetzt habt ihr auch in den USA gespielt und diese Auftritte im Radio gehabt. Das ist ja eine Riesenschere zwischen den beiden Seiten. Wo seht ihr euch da?

Marius: Dieses Phänomen, muss ich ganz ehrlich sagen, habe ich sowieso noch nie verstanden. Im ersten Jahr waren wir vielleicht eher so Lokalhelden-mäßig unterwegs, da konnte ich das noch nachvollziehen. Aber ab da waren wir vier Jahre überall. Und trotzdem hat sich das nie geändert! Ich kann dazu nix sagen, ich bin dafür nicht verantwortlich und ich habs auch noch nie verstanden. Ich hab immer gesagt: Hört doch mal auf mit diesem Lokalscheiß. Wir wohnen halt in Köln, und wir fühlen uns auch wohl hier. Aber wir wollen dieses Label nicht mit uns herumtragen.

Georg: Diesen Lokalmatador-Status können wir mit dem Album jetzt vielleicht mal ablegen.

Marius: Ja hoffentlich!

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