Irgendwann dachten wir, sie hören niemals mehr auf. Vor dem schon lange ausverkauften und nicht minder triumphalen (und von HEY präsentierten!) Konzert im Kölner Stadtgarten standen wir (Florian und Benjamin) wartend im Treppenhaus hinter der Bühne, während die Local Natives ausgiebig den Sound checkten. Und checkten. Und checkten. Es wurde später und später und später. Doch irgendwann kam es dann doch noch zum verabredeten Stelldichein, zum Interview mit HEY, in dessen Verlauf Ryan Hahn und Taylor Rice über Los Angeles, Demokratie im Songwriting und natürlich die neue Platte Hummingbird sprachen, bevor sich Ryan einen unserer berühmten Aufkleber auf den Brustkorb klebte und Taylor der gemalten Ratte Haare an Nase und Schwanz produzierte.

Es heißt, Los Angeles sei auf der Suche nach der nächsten großen Indie-Band der Stadt, und in dem Zusammenhang fällt auch immer euer Name. Könntet ihr das sein? Und inwieweit beeinflusst es euch, in einer Stadt wie Los Angeles zu leben?

Ryan: Das sind natürlich Worte von anderen. Ich hab das Gefühl, dass Los Angeles eine lebhafte Musikszene hat. Es gibt dort wirklich viele gute Bands, und wir genießen es, dort zu leben. Glücklicherweise haben wir durch unsere Tourneen die Möglichkeiten gehabt, um die ganze Welt zu reisen, doch jedes Mal, wenn wir nach Hause kommen, freuen wir uns sehr darauf. Nicht nur auf Familie und Freunde, sondern auch auf die künstlerische Community in L.A., das ist super.

Taylor: Ein Freund von uns spielt heute Abend mit einer Band auch in Köln. Er hat ne Zeitlang bei uns Bass gespielt, aber jetzt spielt er bei Fidlar, dieser Punkband aus L.A., die gerade voll abgehen. Ich denke wir gehen später da noch hin. Das nur als Beispiel, die Jungs wohnen ganz in der Nähe von uns.

Wenn wir mit anderen Leuten über euch sprechen, stellen wir immer fest, dass es schwierig zu sein scheint, eure Musik in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Habt ihr eine Ahnung, warum das so ist?

Taylor: Ich denke, das liegt daran, dass wir eine sehr demokratische Band sind. Der Prozess des Songwritings funktioniert über Kollaborationen von allen Bandmitgliedern. So wird der Sound sehr abwechslungsreich und vielleicht auch undurchsichtiger, als wenn jeder Song nur von einer Person und aus einem bestimmten Blickwinkel geschrieben wurde. Immer, wenn ich einen Song einbringe, weiß ich ganz genau, dass der Song am Ende durch all die verschiedenen Einflüsse aus der Band ein anderer Song sein wird. Vielleicht ist das ein Grund.

Ryan: Ein anderer Grund dafür ist, dass wir alle mehrere Instrumente spielen. Daher klingt das Schlagzeug auf den verschiedenen Songs unterschiedlich, und es gibt keinen klaren Gitarrenstyle, der immer gleich wäre. Jeder trägt verschiedene Instrumente zu den verschiedenen Songs bei, so wird das alles sehr durchgemischt und schafft am Schluss verschiedene Sounds für jeden Song.

Es waren vier sehr lange Jahre zwischen euren beiden Alben. Welche Einflüsse habt ihr in der Zwischenzeit gesammelt? Touren, fremde Länder… was hatte einen Einfluss auf die Arbeit zum zweiten Album „Hummingbird“?

Taylor: Einer der großartigsten Aspekte an der ganzen Bandsache ist die Möglichkeit, um die Welt zu touren. Gerade die Festivalsaison ist super. Man spielt andauernd Konzerte, mit Dutzenden unfassbaren Bands von überall. Es ist total super, das Coming-Together von all diesen großartigen Künstlern zu beobachten. Man kann viel lernen, wenn man anderen Bands auf Tour zuschaut, und in den letzten beiden Jahren waren wir viel unterwegs. Ich persönlich hab mich rückwärts bewegt, ich hab in der letzten Zeit viel altes Zeugs gehört, wie zum Beispiel Leonard Cohen, Bob Dylan und Paul Simon.

Ryan: Ich erinnere mich an einen Punkt auf der Tour, da haben wir an einem Weekend die Deftones gesehen, Prince, Wild Beasts – das war unfassbar.

Wir haben gelesen, dass ihr beim South By Southwest-Festival 9 Konzerte gespielt habt!

Taylor: Das ist ein total verrücktes Festival. Es gibt bestimmt 1500 … ist das übertrieben? Sagen wir: 1000 Venues. Jede einzelne Bar in jedem einzelnen Haus ist ein Konzertort, und da spielen wirklich 1.000 Bands, und zwar die ganze Zeit, überall. Das ist Mayhem. Der reine Wahnsinn. Wir haben die Wild Beasts da kennen gelernt, mit denen wir jetzt befreundet sind.

Ryan: Wir waren zweimal hintereinander, und haben beide male 9 Konzerte gespielt. So macht man das da als neue Band: nur ein Konzert spielen und hoffen, dass dich jeder gesehen hat, funktioniert nicht. Man muss so viel spielen wie man nur kann und hoffen, dass irgendjemand auf einen aufmerksam wird. Ich hab das Gefühl, dass das Festival von Jahr zu Jahr chaotischer wird, andauernd gibt es eine neue Bühne an einer neuen Straßenecke und so weiter.

Für die Aufnahmen von „Hummingbird“ habt ihr euch ein eigenes Studio gebaut. Kann man das mit dem legendären Haus vergleichen, in dem ihr alle zusammen zur Zeit von „Gorilla Manor“ gelebt habt?

Taylor: Nein, es war anders, denn jetzt leben wir alle voneinander getrennt. So eine Meile die Straße runter, also nicht weit. Wir hatten diesen kleinen „Hub“, einen Miniraum, vielleicht halb so groß wie dieser Raum hier.

Ryan: Nichtmal. Vielleicht so groß wie ein Viertel.

Taylor: Also vielleicht so groß wie ein Viertel dieses Raums hier, aber das ist ja ein Interview, also kann den Raum später niemand sehen. (lacht) Wir sitzen im Studio 672, und unser Studio war also ein Viertel so groß wie dieses kleine Venue in Köln. Dieser Schuppen war wunderschön, genau im Herzen von Silverlake gelegen, es ist wirklich wunderbar, dass wir diesen Raum gefunden haben. Wir konnten da rund um die Uhr spielen, so laut wie wir wollten. Mitten in der Nacht Schlagzeug aufnehmen war kein Problem. Wir haben Fenster eingebaut, sodass wir tagsüber Sonnenlicht hatten. Dieser Ort war unser kreatives Zentrum für das Jahr, in dem wir die Platte aufgenommen haben.

Ryan: „Studio“ ist vielleicht auch ein etwas zu nettes Wort. (lacht) Das Ding war ziemlich wackelig, es fiel fast auseinander, es stank teilweise fürchterlich, und immer mal wieder ging der Strom weg. Es war großartig!

Korrigiert uns, wenn wir falsch liegen, denn wir sind leider keine Musiker. Aber: „Hummingbird“ scheint von der Instrumentierung weitaus komplexer zu sein als „Gorilla Manor“. Stimmt ihr da zu, oder wollt ihr die beiden Alben gar nicht so miteinander vergleichen?

Taylor: Ich sehe das schon so. „Gorilla Manor“ ist so entstanden: wir waren alle zusammen in einem Raum, haben uns direkt in den Verstärker eingestöpselt, die Songs geschrieben, ein bisschen gejammt und fertig. Bei „Hummingbird“ wollten wir das wirklich zu einem Experiment ausweiten. Es gab keine Regeln. Wir haben uns nicht davor gefürchtet, live aufzunehmen. Wir haben die Songs in dem Moment schon aufgenommen, als sie entstanden. Das hat es uns erlaubt, in eine neue Richtung vorzustoßen, neue Ebenen auszuprobieren, die wir in der Vergangenheit noch nicht hatten. Also verstehe ich, was ihr meint.

Ryan: Ich hab ja manchmal das Gefühl, dass „Hummingbird“ simpler ist als „Gorilla Manor“. Aber es gibt natürlich auch Momente auf dem neuen Album, bei denen wir uns als Musiker selbst sehr gepusht haben, sodass die Musik am Ende komplexer ist.

Wie würdet ihr den Unterschied zwischen den beiden Alben beschreiben?

Taylor: Beide Alben stehen für einen sehr bestimmten Punkt in Raum und Zeit. „Gorilla Manor“ ist der Soundtrack zu der Zeit, in der wir als Band zueinander fanden, zusammen gezogen sind und so fühlt es sich auch an, wenn ich die Platte höre. „Hummingbird“ kommt mehr aus den letzten beiden Jahren. Einerseits haben wir in der Zeit die besten Erfahrungen unseres Lebens gemacht, als Band, auf Tour und so weiter. Andererseits sind wir auch durch schwierige Phasen gegangen, so als Bandfamilie und als Freunde. Daher ist „Hummingbird“ ein vielschichtigeres Album, es zieht seinen Inhalt aus viel mehr und verschiedenen Bereichen als „Gorilla Manor“.

Das erste Album hat euch ja mehr oder weniger aus dem Stand auf ein relativ hohes Niveau geschossen, was Erfolg und auch Kritikerlob angeht. Hat diese Ausgangsposition bei der Arbeit zu „Hummingbird“ Druck auf euch ausgeübt?

Taylor: Ich denke, ja, klar: jede Band, die ein Album herausbringt, spürt einen gewissen Druck. Als wir „Gorilla Manor“ gemacht haben, wollten wir, dass die Leute sich das anhören. Wir wussten aber nicht, ob es irgendjemand tun würde. Jetzt gibt es draußen natürlich eine Erwartungshaltung. Aber man muss es eigentlich positiv sehen: Wir hatten das Glück, einige tolle Bands kennen zu lernen, die wirklich weit in ihrer Karriere sind, die sind beim fünften Album – The National zum Beispiel, Aaron hat ja unsere Platte produziert, und die sind in derselben Lage. Auch die Bands, zu denen wir alle aufschauen, spüren diesen Druck, immer ein besseres Album zu machen. Denn als Band bist du nur so gut wie dein letztes Album. Dieser Druck von außen war da, ja. Aber wir haben uns ganz bewusst davon gelöst, was auch ein bisschen gedauert hat. Der Druck, den wir gespürt haben, war dann nur intern, weil unsere Band so demokratisch ist. Ein Song ist nur dann fertig, wenn wirklich jeder begeistert von dem Song ist. Und es ist sehr schwer, dahin zu kommen. Wenn wir dieses Kriterium erfüllen, sind wir glücklich.

Woher kommt dieser Demokratie-Gedanke in eurer Band?

Ryan: Das kommt einfach daher, dass wir mehrere Songwriter haben. Wir respektieren uns alle gegenseitig, wir wollen, dass wir gegenseitig auf unseren Songs mitspielen, dass wir an ihnen rumspielen und sie so gut machen, wie sie nur sein können. Wir waren ja auch Freunde, bevor wir mit der Band angefangen haben. Dieser Gedanke ist eigentlich der Charakter unserer Freundschaft. Das kann teilweise echt anstrengend sein. Manchmal sind wir sogar kurz davor, uns zu prügeln. (lacht) Aber soweit kommt es dann doch nie. Wir müssen eben da durch, um als ganze Band gemeinsam Songs zu schreiben.

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